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I. Einleitung
Ferdinand Keilmann, der im Mittelpunkt
dieser Diplomarbeit
steht, ist mein Großvater, und über einen
Familienangehörigen eine
wissenschaftliche Arbeit zu schreiben hat Vor- und Nachteile. Ein
klarer
Vorteil ist der leichte Zugang zu Unterlagen, die das Handeln der zu
untersuchenden
Person erklären. Auch gibt es meist eine Reihe von
Familienmitgliedern, die
über Entscheidungen, Situationen, Geschehnisse berichten
können. Darüber hinaus
ist das Vorhaben, Archivbestände einzusehen, unter
Umständen leichter zu
realisieren (dies gilt vor allem, wenn die betreffende Person noch lebt
oder
erst vor kurzem verstorben ist).
Je nach
persönlichen Umständen können die Nachteile
überwiegen. Als Familienmitglied besteht zum
Untersuchungsgegenstand eine
geringere Distanz als zu einer fremden Person. Ebenso besteht die
Gefahr, daß
aus Rücksicht auf das Ansehen der Familie (und somit das
eigene Ansehen) die Forschung
leidet (je nach Thema können ja unerfreuliche Dinge zum
Vorschein kommen). Bei
einem schlechten Verhältnis zwischen Wissenschaftler und
untersuchter Person
kann im anderen Extrem eine „Anklageschrift“ aus
der Arbeit werden.
Diese möglichen Nachteile treffen
meiner Meinung nach auf
diese Arbeit nicht zu. Aufgrund räumlicher Trennung und dem
aus meiner Sicht
frühen Tod von Ferdinand Keilmann gab es zwischen ihm und mir
nur geringe persönliche
Berührungspunkte; meine Erinnerung beschränkt sich
darauf, wie er am Flügel
oder am Zeichentisch sitzt. Die deutlichsten Berührungspunkte
stammen eher aus
den Erzählungen meiner Großmutter Eva Keilmann,
welche aber durch den
persönlichen Bezug teilweise als idealisierend anzusehen sind.
Als ich nun bei
ihr Einblick in die private Korrespondenz und einen komplette
Aktenordner mit
Unterlagen zur beruflichen Entwicklung bekommen konnte, stellte sich
heraus,
daß es sich bei Ferdinand Keilmann um einen Mann handelte,
der im Laufe seines
Lebens oft an den Orten war, an
denen
Politik und Architektur aufeinandergeprallt sind. Dies war ein Anstoß zu dieser Arbeit.
Ein anderer wichtiger
Ansatzpunkt war die Erkenntnis, daß es
zwar über Albert Speer und die ihm unterstellte Ebene von
Architekten namens
Rimpl, Tamms, Wolters, Gutschow, u.a. eine mehr oder weniger umfassende
Literatur
gibt oder in Form von verschiedenen laufenden Dissertationen bald geben
wird,
jedoch findet sich über die Architekten, welche bei den
Personen in dieser
„Zweiten Ebene“ angestellt waren, in den
wissenschaftlichen Bibliotheken wenig
bis kein Material. Somit ist es interessant, zumindest einen dieser
„Namenlosen“ aus der Versenkung zu holen und so
unter Umständen auch auf die
Vorgesetzten ein neues Licht zu werfen.
Der für mich
entscheidende Aspekt bei der Betrachtung des
Lebens von Ferdinand Keilmann ist die persönliche Entwicklung,
die er zwischen
Weimarer Republik und Bundesrepublik Deutschland durchlaufen hat. Bei
der
Beschäftigung mit dem Phänomen Nationalsozialismus
ist es aus heutiger Sicht
schwer nachvollziehbar, wie die deutsche Bevölkerung dieser
Diktatur, die mit
Völkermord und Zweitem Weltkrieg die größte
Katastrophe der Menschheit
verursacht hat, an die Macht verhelfen konnte. Nun ist über
die Selbstauflösung
der Weimarer Republik auf parlamentarischer Ebene schon viel
geschrieben und
gesagt worden, aber bei der Betrachtung des einzelnen
„normalen“ Menschen
treten andere Aspekte in den Vordergrund. Die Biographie Ferdinand
Keilmanns
ermöglicht es, aus einem individuellen Blick-winkel die
Gründe für die
Unterstützung der Nationalsozialisten herauszuarbeiten,
genauso wie im Lauf
seines Lebens die Abkehr von dieser Ideologie deutlich wird. Dies liest
sich in
so kurzer Form sehr idealtypisch; Keil-manns Biographie ist nicht so
glatt und
nachvollziehbar, wie sie sich in diesen wenigen Zeilen darstellt.
Keilmann war
in erster Linie Künstler, was ihm in seinem Leben oft von
Vorteil war. An
einigen Punkten aber bereitete ihm diese Eigenschaft auch massive
Schwierigkeiten, und zwar immer dann, wenn das spontane, kreative (und
vielleicht auch übersensible) Reagieren auf Geschehnisse
später als „Bumerang“
zurückkam, weil er die Folgen seiner Spontaneität
nicht oder nicht ausreichend
bedacht hatte oder auch nicht bedenken konnte. Diese
künstlerische Veranlagung
befreit ihn jedoch nicht von der Verantwortung, die der Einzelne
für die
Entwicklungen zum und im Nationalsozialismus hatte.
Aus diesen Überlegungen
ergeben sich einige Fragen, die in
dieser Arbeit behandelt werden sollen: Ist Ferdinand Keilmanns Karriere
typisch
für einen Architekten seiner Generation? War seine berufliche
Entwicklung durch
die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen vorgegeben oder
hatte er
Entscheidungsmöglichkeiten? Und falls er diese
Möglichkeiten hatte, warum hat
er so und nicht anders auf Entwicklungen reagiert und welche
Alternativen gab
es für die jeweiligen Entscheidungen?
Die Gliederung der gesamten
Arbeit ergibt sich aus den
gestellten Fragen und der beruflichen Entwicklung des Ferdinand
Keilmann von
seiner Lehrzeit bis zur Pensionierung. Die Hintergrundbetrachtung der
Entwicklung der politischen und wirtschaftlichen Lage, bezogen auf den
Architektenberuf,
ist als eigenes Kapitel in mehrere Zeitabschnitte unterteilt. Eine
allgemeine
Darstellung von Politik und Wirtschaft für den gesamten
Zeitraum von 1920 bis
1960 kann hier nicht erfolgen, hier sei auf die Vielzahl von
Veröffentlichungen
verwiesen, die zu diesen Themenkomplexen existieren.
Zum
Ende des Ersten Weltkriegs war Ferdinand Keilmann 11
Jahre alt, die Inflation im November 1923 erlebte er mit 16 Jahren.
Innerhalb
dieser Zeitspanne, unabhängig von der politischen
Prägung, die Keilmann durch
sein Elternhaus eventuell erfahren hat, kam er zum ersten Mal in die
Situation,
sich mehr oder weniger bewußt mit der zukünftigen
wirtschaftlichen Entwicklung
auseinander setzen zu müssen, da er mit der Wahl eines
Ausbildungsplatzes vor
der Frage nach seiner beruflichen Zukunft stand. Die Unterteilung des
Kapitels
II folgt somit den historischen Eckdaten ab dieser Zeit:
Gründung der Weimarer
Republik, nationalsozialistische Machtübernahme, Zweiter
Weltkrieg,
Nachkriegszeit, Gründung der Bundesrepublik Deutschland. Als
zusätzliches
Kapitel ist in diesem Teil die spezielle Entwicklung des Landes
Thüringen
eingefügt, da Keilmann sich in der politisch bedeutsamen Zeit
zwischen 1929 und
1933 an der Weimarer Staatlichen Bauhochschule aufgehalten hat, die als
Landeseinrichtung in den politischen Kämpfen zwischen
„Links“ und „Rechts“ zu
einem zentralen Spielball der landespolitischen Auseinandersetzungen
wurde.
Die häufigen
Arbeitsplatzwechsel von Keilmann erfordert es
im folgenden an einigen Stellen, auf spezielle politische und
wirtschaftliche
Entwicklungslinien näher einzugehen. Sofern diese nicht Teil
der allgemeinen Betrachtung
in Kapitel II sind (da sie z.B. thematisch zu speziell sind oder nur
kurze
Zeiträume umfassen), werden sie innerhalb der Biographie in
Kapitel IV anhand
der jeweiligen Tätigkeit Keilmanns erklärt.
Die Darstellung einer
Architektenbiographie mit einem
Geburtsjahrgang zwischen 1900 und 1910 ist nicht möglich, ohne
auf die in
diesem Zeitraum prägenden Akteure der Architekturgestaltung
einzugehen, was in
Kapitel III geschehen soll. Hier geht es zunächst um Albert
Speer, der als
„Generalbauinspektor für die
Reichshauptstadt“ und später als
„Reichsminister
für Rüstung und Kriegsproduktion“ zwischen
1937 und 1945 einen entscheidenden
Einfluß auf das Bauwesen und somit die Biographie vieler
Architekten dieser
Zeit hatte.
Dieser Einfluß gilt für Keilmann insbesondere, da er
sich während der genannten
acht Jahre fast ständig in Arbeitsgebieten bewegte, welche
durch Ministerien
beeinflußt waren, die Albert Speer direkt unterstellt waren.
Da Speer für die
Generalplanungen nicht allein verantwortlich war, ist auf die Ebene der
Architekten einzugehen, die zu seinem Arbeitsstab gehörten.
Diese „Paladine“,
die nach dem Zweiten Weltkrieg oft vergleichbare Positionen inne hatten
wie vor
und während des Krieges,
waren die Arbeitgeber der „dritten Ebene“, die ihr
Leben lang außerhalb des
„Scheinwerferlichts“ als Angestellte gearbeitet
haben. Über diese „dritte
Ebene“, zu der Keilmann gehörte, ist noch keine
eingehenden Literatur
verfügbar, so daß sich diese Gruppe nicht eingehend
beleuchten läßt; sie kann
hier nur kurz und fragmentarisch angesprochen werden.
Das Kapitel IV, welches den
Hauptteil dieser Arbeit
darstellt, gliedert sich aus der Biographie von Ferdinand Keilmann mit
den
herausragenden Eckpunkten. Hier erfolgt der Versuch, Handlungsweisen
und
Aussagen aufzuzeigen, die eine, bezogen auf die Fragestellung
umfassende
Darstellung seines Lebens und seines Denkens ermöglichen
sollen. Das Hauptaugenmerk
liegt hier in der Zeit von 1929 bis 1955, da sich in diesem Zeitraum
die
wichtigsten Entwicklungen vollziehen. Vor 1929 spielen seine
körperliche
Behinderung und die familiäre Prägung eine
entscheidende Rolle, nach 1955 ist
allerdings nur noch die auf den ersten Blick nicht nachvollziehbare
innere
Emigration von Bedeutung. Außerdem ist zwischen diesen Jahren
eine gewisse
Rastlosigkeit in der beruflichen Entwicklung zu erkennen, für
die geklärt
werden soll, ob sie in der Persönlichkeit Keilmanns oder im
Berufsstand des
Architekten begründet ist. Für die gesamte berufliche
Entwicklung ist
schließlich von Bedeutung, daß Keilmann den Beruf
des Musikers, den sein Vater
für ihn vorgesehen hatte, wegen einer körperlichen
Behinderung nicht antreten
konnte. Die daraus resultierende Enttäuschung von Seiten des
Vaters bekam
Keilmann lange Zeit zu spüren und reagierte darauf mit einer
starken
Empfindlichkeit bezüglich der Anerkennung seiner beruflichen
und künstlerischen
Leistungen durch andere Personen (was in seinem Beruf oft dasselbe war).
Zur Gegenüberstellung
der Biographie zur jeweiligen
politischen und wirtschaftlichen Entwicklung dient das Kapitel V, wo
alternative Möglichkeiten für Handlungen und
Entscheidungen an einzelnen
zentralen Punkten ausgearbeitet und anschließend bewertet
werden. Dahinter
steht die Frage, ob Keilmann in den jeweiligen Situationen
überhaupt nach
Alternativen gesucht hat, oder ob er mit dem Verlauf seiner beruflichen
Entwicklung unter Berücksichtigung der politischen
Verflechtung seiner
Arbeitsverhältnisse einverstanden war. Schließlich
soll dort der Versuch
unternommen werden, zu klären, inwieweit Keilmanns Karriere
typisch für einen
Architekten dieser Generation war, wobei diese Frage wohl nicht
abschließend
beantwortet werden kann. Es war im Laufe der Recherche allerdings
auffällig,
wie viele vielleicht erstaunliche Parallelitäten die
Biographie von Ferdinand
Keilmann zu den Lebensläufen von Arbeits- und Studienkollegen
aufweist.
Ein Gedanke, der
diese Arbeit immer begleitet hat, hat
Werner Durth in seinem Buch „Deutsche Architekten“
in der Einleitung treffend
beschrieben:
„Immer wieder
mußte Abstand genommen werden von jener
Alltäglichkeit
der dargestellten Lebensläufe, deren Anschaulichkeit leicht
dazu verführen
konnte, ungewollte Entlastungsstrategien aufzunehmen, sogar zu
verlängern, und
in die hermeneutische Falle distanzloser
Verständnisbereitschaft zu geraten.
Und immer wieder die Frage: Wie hätte man selbst gehandelt in
vergleichbaren
Situationen?“
Dieses Buch ist es
auch, welches bewußt oder unbewußt die
Art des Herangehens an die Biographie von Ferdinand Keilmann in dieser
Arbeit
geprägt hat. Ich folge damit dem Wunsch Durths, den er zum
Ende seiner Einleitung
formuliert: „Viele Gespräche wurden nicht
geführt, viele Dokumente nicht
ausgewertet. Diese Arbeit konnte nur der Anfang sein, muß
Fragment bleiben. Ich
hoffe, sie stößt andere an.“
Hier hat sie es getan.
Siehe unter anderem für
die Weimarer Republik: Heiber, Helmut: Die Republik von Weimar,
München 1990;
Bracher, Karl Dietrich / Funke, Manfred / Jacobsen, Hans-Adolf (Hrsg.):
Die Weimarer
Republik 1918-1933, Bonn 1987; für die nationalsozialistische
Herrschaft:
Bracher, Karl Dietrich: Die Deutsche Diktatur. Entstehung –
Struktur – Folgen
des Nationalsozialismus, Köln 1993; Haffner, Sebastian:
Anmerkungen zu Hitler,
München 1978; für die Zeit bis Ende des Zweiten
Weltkriegs: Craig, Gordon A.:
Deutsche Geschichte 1866-1945, München 1989, für die
Zeit nach 1945: Kleßmann,
Christoph: Die doppelte Staatsgründung. Deutsche Geschichte
1945-1955, Bonn
1991. Eine anschauliche Darstellung des gesamten Zeitraumes findet sich
in:
Mann, Golo: Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, 20. unv.
Aufl.,
Frankfurt a.M. 1989.
Siehe unter anderem: Reif,
Adalbert: Albert Speer. Kontroversen um ein deutsches
Phä-nomen, München 1978;
Schmidt, Mathias: Albert Speer. Das Ende eines Mythos. Speers wahre
Rolle im
dritten Reich, München 1982; Speer, Albert: Erinnerungen,
Berlin 1969; Fest,
Joachim C.: Speer. Eine Biographie, Berlin 1999.
Siehe unter anderem:
Durth, Werner: Architekten. Biographische Verflechtungen 1900-1970,
Frankfurt
am Main 1987; Nerdinger, Winfried: Bauhaus – Moderne im
Nationalsozialismus.
Zwischen Anbiederung und Verfolgung, München 1993; Lane,
Barbara Miller:
Architektur und Politik in Deutschland 1918-1945, Braunschweig 1986;
Beyme,
Klaus von: Der Wiederaufbau. Architektur und Städtebaupolitik
in beiden
deutschen Staaten, München 1987.
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