Architekturgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts |
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Der Architekt Ferdinand Keilmann im Systemwandel des 20. Jahrhunderts | ||||
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IV. Ferdinand Keilmann - Ein Architektenleben (Teil 5)IV.15. Anstellung in BochumDie Anstellung bei der Stadt Bochum verlief für Ferdinand Keilmann nicht so schnell und reibungslos, wie er es sich erwünscht hatte. Zwar kam das Telegramm von Stadtbaurat Clemens Massenberg mit der Aufforderung zum Vorstellungsgespräch schon 11 Tage nach seiner Bewerbung vom 13. Juli 1950 in Aschaffenburg an, jedoch zog sich der vorbereitende Schriftverkehr in die Länge.[1] Ob Keilmann während seiner Berliner Tätigkeit Massenberg persönlich kennen gelernt hatte, wie er später behauptete, ist heute nicht mehr zu klären. Nachdem er nach einem Vorstellungsgespräch am 29. Juli im Bochumer Rathaus wieder nach Roigheim zurückkehrte, wurde er von Seiten der Stadt durch den städtischen Baurat Josef Hellrung aufgefordert, erneut einen politischen Fragebogen[2] auszufüllen – diesmal auf Basis der englischen Besatzungsmacht. Nachdem die geforderten Unterlagen eingereicht waren, befaßte sich der Personalausschuß der Stadt am 9. August 1950 mit der „Einstellung von Architekten für das Planungsamt“: Die Arbeitssituation zu Beginn der 50er Jahre in Bochum ist nicht nachvollziehbar ohne eine genauere Betrachtung der Person Clemens Massenberg, der als Stadtbaurat die Planung des gesamten innerstädtischen Aufbaus geleitet hat. Clemens Massenberg (1909 - 1954) wurde in Dortmund als Sohn eines Bauunternehmers und Ingenieur für Brückenbau geboren. Er wuchs in Berlin auf, studierte an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg bei Hans Poelzig. Nach seinem Diplom 1934 arbeitete er zunächst in verschiedenen Öffentlichen Verwaltungen als Entwurfsarchitekt, anschließend in der Bauleitung der Junkerswerke in Dessau und zwischen 1937 und 1939 Leiter der Bauabteilung der Krupp-Treibstoffwerke in Wanne-Eickel. Vom April 1939 bis Kriegsende war er Leiter der Bauabteilung der Sudetenländischen Treibstoffwerke AG in Brüx (heute Most) in der Tschechischen Republik. Im Dezember 1945 wurde er hauptamtlicher Baubeigeordneter der Stadt Bochum und am 8. Januar 1946 zum Stadtbaurat berufen. Gleichzeitig betätigte er sich als Geschäftsführer der „Bochumer Heimstätten GmbH“ sowie der „Fernheizgesellschaft Bochum-Ehrenfeld“ und war in einer Vielzahl weiterer Gesellschaften und Interessenvertretungen engagiert. Unter seiner Leitung wurde der erste Neuordnungsplan einer nordrhein-westfälischen Großstadt erarbeitet und genehmigt, der in seinen Grundfestlegungen bis in die sechziger Jahre gütig blieb und noch heute das Aussehen der Stadt prägt. Massenberg kümmerte sich wenig um die Details der Planungen, diese überließ er seinen engsten Mitarbeitern. So steht in Bochum kein einziges Gebäude, daß er selbst geplant hätte. Er starb am 6. August 1954 an einem Hirntumor.[7]
An dieser Stelle begann eine Entwicklung im beruflichen Werdegang Keilmanns, die schließlich zu seinem fast vollständigen Rückzug aus dem Engagement für seine Arbeit führen sollte. Die Einstufung des Diplom-Architekten Keilmann in den gleichen beamtenrechtlichen Status wie dem Dr.-Ing. Meyer stieß in Teilen des Planungsamtes auf entschiedenen Widerstand. Für die Hintergründe muß an dieser Stelle etwas ausgeholt werden, es waren wahrscheinlich zwei Aspekte für die Ablehnung maßgeblich. VI.16 Exkurs Nr. 2: Die verlorene WohnungWie hunderttausende andere Familien war auch die Familie Keilmann nicht vom Bombenkrieg verschont geblieben. Trotzdem hatte sie zunächst Glück im Unglück – das Wohnhaus im Jungfernheideweg in Berlin-Siemensstadt war zwar schwer beschädigt und dadurch unbewohnbar, jedoch konnte das Inventar zunächst gesichert werden. Bei dem folgenschweren Luftangriff auf Berlin am 3. September 1943[24] war die Familie nicht zu Hause, Ferdinand Keilmann begleitete seine Frau und die beiden Kinder zu deren Evakuierung nach Aschaffenburg.[25] Keilmann kehrte kurz darauf nach Berlin zurück, um seine Tätigkeit bei der „Deutschen Akademie Für Wohnungswesen e.V.“ wieder aufzunehmen. Die Wohnung im Jungfernheideweg war allerdings nicht mehr nutzbar, so daß Keilmann bei Freunden unterkommen mußte. Nachdem nun ein kleiner Teil der Einrichtung bei einem Speditionsunternehmen untergebracht war, konnte er die notwendige Sicherung seines Eigentums nicht weiterverfolgen; die Einberufung zur Wehrmacht verhinderte jede weitere Planung, und Transportmöglichkeiten nach Aschaffenburg waren im ersten Quartal 1944 aufgrund des totalen Kriegseinsatzes kaum noch zu organisieren. Allerdings ließ sich die Suche nach den Einrichtungsgegenständen von Bochum aus nicht betreiben; so beauftragte Keilmann einen zu dieser Zeit arbeitslosen Bekannten, den 50jährigen Arno Beckert. Dieser bekam die notwendige Vollmacht[30] und machte sich anschließend auf den mühsamen Weg, die Spuren der einzelnen Möbel zu verfolgen. In der Wohnung am Jungfernheideweg waren nur wenige Wertgegenstände verblieben, über die Keilmann sich mit der jetzigen Bewohnerin über eine Kaufsumme einigte. Ein großer Teil des Inventars war „in den Osten verschoben, getauscht gegen Freßsachen und Alkohol in der Hungerzeit“.[31] Da der Antragsteller weder
beweisen noch glaubhaft machen konnte,
daß sein Hausrat zu mehr als 50% des im Zeitpunkt des
Schadens vorhanden
gewesenen Hausrats verloren gegangen ist, kann dem Antrag auf
Feststellung
eines Hausratverlustes und einer Entschädigung nicht
entsprochen werden.“[34]
VI.17. Verbeamtung, beruflicher Abstieg und PensionierungTrotz der herzlichen
Glückwünsche seiner engsten
Arbeitskollegen war die Einstufung als Stadtbaumeister für
Ferdinand Keilmann
eine große Enttäuschung. Er fühlte sich
gegenüber den Ingenieuren, die in der
Hierarchie des Stadtplanungsamtes teilweise unter ihm standen,
zurückgesetzt.
Dazu kam, daß er in seinen künstlerischen
Fähigkeiten der Meinung war, daß
einige dieser Leute, die an der „Intrige“
anläßlich seiner beamtlichen
Einstufung beteiligt waren, im fachlichen Bereich keine Konkurrenz
Gegen Mitte des
Jahres 1979 verschlechterte sich sein
Gesundheitszustand, allerdings war diesmal nicht die langjährige Schwächung des
Körpers durch die Rachitis die Ursache. Kreatives Arbeiten
fiel ihm zusehends
schwerer, bis bei ihm im Sommer eine inoperable Krebserkrankung
festgestellt
wurde. Keilmanns Kampf gegen die Krankheit dauerte nur kurze Zeit. Er
starb am
7. September 1979 in seiner Wohnung im Kreis der Familie und liegt
heute in unmittelbarer
Nähe zu „seiner“ Trauerhalle auf dem
Bochumer Hauptfriedhof begraben. [1]
Personalakten der Stadt
Bochum werden nach dem Ausscheiden von Mitarbeitern und einer
folgenden, den
gesetzlichen Bestimmungen unterliegenden Frist dem Stadtarchiv zu einer
Prüfung
vorgelegt, bei der festgestellt werden soll, inwieweit jede einzelne
Akte in
Zukunft für eine (stadt-)historische Forschung interessant
sein könnte.
Glücklicherweise werden bei der Stadt abseits des Stadtarchivs
die sogenannten
Personalkarten langfristig aufbewahrt, auf denen die wichtigsten Daten
der
Mitarbeiter in Kurzform dargestellt sind. Von Seiten der Stadt Bochum
liegt
diese Personalkarte vor und war durch die zwar stichpunktartigen, aber
umfangreichen Angaben ein äußerst wichtiger
Ansatzpunkt für die vorliegende
Arbeit. Die Personalakte Keilmanns der Stadt konnte für die
weitere Recherche
nicht herangezogen werden, da sie von dem verantwortlichen
Personenkreis des
Stadtarchivs in den 80er Jahren als uninteressant beurteilt und somit
für den
Reißwolf freigegeben wurde. Es bleibt anzumerken,
daß schon auf der
Personalkarte die Begriffe „Generalbauinspektor
Speer” und „Rüstungskommando
Speer” festgehalten wurden. Darüber hinaus sind
vergleichbare Angaben belegbar
auch auf den unter anderem bei der Anstellung einzureichenden
Fragebögen
vermerkt! Glücklicherweise hat Keilmann aus der Zeit der
Beschäftigung bei der
Stadt Bochum den umfassenden Schriftverkehr aufbewahrt und auch
häufig die
Durchschläge seiner eigenen Schreiben abgeheftet, so
daß sich bis auf wenige
Lücken ein geschlossenes Bild der Zeit von 1950 bis 1972
ergibt.
[2]
AKe; Fragebogen an die
Stadt Bochum zur Einstellung als Architekt im Hochbauamt. Auch hier
liegt, wie
so oft bei Keilmann, ein unbenutztes Exemplar des Fragebogens mit einem
Entwurf
der passenden Angaben vor.
[3]
SA BO; Niederschrift Nr.
14 über die Sitzung des Personalausschusses vom 9. August 1950, S. 3f.
[4]
Die entsprechenden
Verordnungen wurden zur Kenntnisnahme überreicht, sie stammten
unter anderem
aus dem Reichsstrafgesetzbuch, dem Deutschen Beamtengesetz,
verschiedenen
Erlassen des Innenministers des Landes Nordrhein-Westfalen sowie aus
der „Verordnung
gegen Bestechung und Geheimnisverrat nichtbeamteter Personen in der
Fassung vom
22. Mai 1943”.
[5]
Dienstvertrag vom 23.
August 1950 zwischen Ferdinand Keilmann und der Stadt Bochum. Der
Vertrag
umfaßt eine Seite des Format DIN A5.
„TAO“ heißt Tarifordnung A für
Angestellte
des öffentlichen Dienstes.
[6]
Eva Keilmann ist sich
sicher, daß ihr Mann sich in dieser Form
geäußert hat. Allerdings war Keilmann
nie bereit, viel Zeit und Geld in die Parteimitgliedschaft zu
investieren. Er
hat bis zu seinem Tod immer nur den Mindestparteibeitrag gezahlt und
nie ein
Amt übernommen.
[7]
Hanke, Hans H.:
Architektur und Stadtplanung im Wiederaufbau. Bochum 1944 –
1960, Bonn 1992, S.
11ff. und S. 40.
[8]
Vermutlich die
Räumlichkeiten, die in der Nähe des Schauspielhauses
als Unterkünfte für die
Vielzahl von Besuchern des Kirchentages in Bochum vom 1. bis 4.
September 1949
errichtet wurde um anschließend in ein provisorisches Hotel
umgewandelt zu werden.
Anläßlich des Kirchentages wurden in der weitgehend
zerstörten Stadt ca.
500.000 Besucher untergebracht; siehe Hanke 1992, S. 7.
[9]
Mit der Vermieterin
Margarete Weymann verband die Familie Keilmann anschließend
eine langjährige
Freundschaft.
[10]
AKe; Schreiben von F.
Keilmann an die Stadt Bochum vom 7. Februar 1951.
[11]
SA BO; Niederschrift Nr.
21 über die Sitzung des Personalausschusses vom 18. Oktober
1951, S. 3.
[12]
Ebd.
[13] Hanke 1992, S. 11ff.
[14]
BDA (Hrsg.:):
Architekturführer Bochum, Bochum 1986, S. 41.
[15]
SA BO; Niederschrift Nr.
25 über die Sitzung des Personalausschusses vom 24. Juni 1952.
Petschelt wurde
am 15 März 1952 Oberstadtdirektor und behielt dieses Amt bis
zum 14. März 1976.
[16]
SA BO; Niederschrift Nr.
26 über die Sitzung des Personalausschusses vom 29. September
1952.
[17]
Ebd.
[18]
siehe Kapitel IV. 4
(Studium an der Staatlichen Bauhochschule).
[19]
Mayntz, Renate:
Soziologie der öffentlichen Verwaltung, Heidelberg 1985, S.
135ff.
[20]
Hanke 1992, S. 15.
[21]
Ebd.
22]
SA BO; Niederschrift Nr.
27 über die Sitzung des Personalausschusses vom 17. Oktober
1952.
[23]Information
aus einem Gespräch
mit dem damaligen technischen Zeichner Hafermalz, der lange Zeit
Keilmanns
direkter Mitarbeiter war.
[24]
Schäfer, Hans-Dieter:
Berlin im 2. Weltkrieg, München 1991, S. 37.
[25]
Als schließlich
Aschaffenburg im Jahre 1944 durch einen Luftangriff fast
vollständig zerstört
wurde, war die Familie schon in Roigheim, welches durch seine geringe
Ausdehnung
nicht gefährdet war.
[26]
AKe; Brief von Wilhelm an
Ferdinand Keilmann vom September 1943, ohne genauere Datumsangabe.
[27]
AKe; Eintrittserklärung
vom 13. Oktober 1948, ausgestellt von „Ferdinand Keilmann,
[...] früherer
Wohnsitz Berlin-Charlottenburg, [...] jetzt wohnhaft in Roigheim.
[28]
Im folgenden: AKe;
handschriftliche Liste von Eva Keilmann zum Inventar der Wohnung
Jungfernheideweg
30 in Berlin, ca. 1948.
[29]
AKe; Brief von F.
Keilmann an den Oberbürgermeister von Groß-Berlin
vom 20.Februar 1951.
[30]
AKe; Vollmacht für Arno
Beckert vom 10. Juni 1951.
[31]
AKe; Brief von Arno
Beckert an Ferdinand Keilmann vom 18. August 1951.
[32]
AKe; im folgenden: Brief
von Arno Beckert an F. Keilmann vom 29. Juli 1951.
[33]
Ebd.
[34]
AKe; Bescheid über die
Ablehnung der Schadensfeststellung oder von Ausgleichsleistungen der
Stadt
Bochum vom 17. Mai 1960 (sic!).
[35]
AKe; Schreiben des
Oberstadtdirektors Dr. Petschelt an Stadtbaumeister Ferdinand Keilmann
vom 30.
April 1955.
[36]
Bezeichnend ist in diesem
Zusammenhang, daß Keilmann im Auftrag der Familie Massenberg
dessen Grabmal auf
dem Bochumer Hauptfriedhof gestaltete.
[37]
AKe. Den Referenzen, die
Keilmann auf dieser Bewerbung angab, ist zu entnehmen, daß er
in Bochum
zumindest noch Baurat Dr. Meyer vertraute. Darüber hinaus sind
Neufert und
Rimpl angegeben.
[38]
Ich beziehe mich hier auf
verschieden Gespräche mit ehemaligen Beschäftigten
des Planungsamtes, sowie
verschiedenen freien Architekten, die häufiger mir dieser
Behörde zu tun
hatten. Dabei baten mich die genannten Personen, in diesem Zusammenhang
nicht
deren Identität preiszugeben.
[39]
Einige Unterlagen im
Nachlaß Ferdinand Keilmanns lassen diesen Schluß
nicht nur zu, die Aussagen
sind allzu deutlich. So schreibt Petschelt am 4. Februar 1966:
„(...) um Ihnen
zu helfen, andererseits aber auch im Interesse einer klaren Regelung,
bin ich
damit einverstanden, daß Sie unter dem Vorbehalt des
jederzeitigen Widerrufs
den Dienst um 8.00 Uhr beginnen, wenn sichergestellt ist, daß
Sie die dadurch
ausfallende Zeit abends nachholen.“
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| "Jene, die nichts aus der Geschichte lernen, sind dazu verdammt, sie zu wiederholen." | ||
| George Santayana (1863 - 1952) | ||