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Architektur ist
gefrorene Macht – Planungen zum Wohnungsbau
nach dem Kriege in der Deutschen Akademie für Wohnungswesen
e.V
„Der
dauernde
Bestand der Volksgemeinschaft und des Staates wird in
stärkstem Maße von der
Gestaltung des Wohnungswesens beeinflußt. Eine einsichtsvolle
Staatsführung
kann nicht teilnahmslos an einem wichtigen Faktor des
öffentlichen Lebens
vorbeigehen. Vielmehr wird sich ein starker staatspolitischer Wille
bewußt die
Lenkung der Wohnungspolitik angelegen sein lassen.“ [1]
Diesen
Eingangssatz formulierte Joseph Wagenbach in einem
unveröffentlicht gebliebenen
Buch über die Reichswohnungspolitik 1900 – 1940 im
Auftrag der Deutschen
Gesellschaft für Wohnungswesen e.V. Als das Manuskript 1942
fertig gestellt
war, nannte sich der Verein bereits „Deutsche Akademie
für Wohnungswesen e.V.“
und hatte neue Aufgaben übernommen. Die Mitglieder sahen sich
am Ziel einer
über 40-jährigen Lobbyarbeit, die ihnen endlich eine
direkte Beteiligung an der
Entwicklung des Wohnungswesen auf höchster Ebene des Reiches
bot. Dass sie
einen teuflischen Pakt eingegangen waren, wird vielen von ihnen in den
knapp
vier darauf folgenden Jahren immer deutlicher geworden sein…
Der
Verein Reichs-Wohnungsgesetz
– Ein hoffnungsvoller Anfang
Der
Mai 1898 war für Karl von Mangoldt ein entscheidender Monat.
Bereits seit
Jahren beschäftigte er sich mit der Frage, wie man die
Wohnverhältnisse für die
stetig wachsende Bevölkerung im Deutschen Kaiserreich
verbessern könnte. Vor
dem Hintergrund der Umwandlung Deutschlands vom Agrar- zum
Industriestaat waren
trotz verbreiteter Wohnungsmissstände keine
zusammenhängenden Aktivitäten zur
Lösung dieses sozialpolitischen Problems auszumachen; die
wenigen gesetzliche
Einzelmaßnahmen wie z.B. die Wohnungsaufsicht in kleineren
Staaten oder die
Einführung von Bauordnungen bedeuteten nur regionale
Verbesserungen.[2]
Mangoldt
hatte dafür ein großes persönliches Risiko
auf sich genommen, indem er knapp
eineinhalb Jahre vorher seinen Arbeitsvertrag als Sekretär im
Frankfurter
Institut für Gemeinwohl kündigte, um sich ganz auf
diese Lösung dieser
sozialpolitischen Aufgabe zu konzentrieren. Am Samstag, den 14. Mai
1898
berichteten nun die Frankfurter Nachrichten, dass sich unter
Beteiligung einer
„ stattliche(n) Anzahl angesehener und
einflußreicher Männer der
verschiedensten Parteirichtungen hiesiger Stadt“[3] eine Vereinigung
gegründet habe, „die sich zum
Ziel gesetzt hat, für umfassende gesetzgeberische
Förderung der Wohnungsreform,
in erster Linie für ein durchgreifendes Reichswohnungsgesetz,
einzutreten.“
Wenige
Tage später, am 25. Mai, wurde dann ein Vorstand aus 17 Herren
gewählt und der
Satzungsentwurf beraten und angenommen,[5] welcher im §
1 ausführte:
„Der
[...] „Verein Reichs-Wohnungsgesetz“ hat den Zweck,
zum Behufe der Verbesserung
der Wohnungsverhältnisse eine durchgreifende Gesetzgebung, in
erster Linie von
Seiten des Reiches, anzuregen und vorzubereiten.
Er
betrachtet es demgemäß als seine Aufgabe,
entsprechende gesetzliche Maßregeln
gegen die Mißstände auf dem Gebiete des
Wohnungswesens in Vorschlag zu bringen,
der Ueberzeugung von deren Notwendigkeit durch ausgiebige
öffentliche
Erörterung an allen dafür geeigneten Stellen zum
Durchbruch zu verhelfen, auf
die Regierungen und die politischen Parteien in seinem Sinne
einzuwirken und
insbesondere den Deutschen Reichstag zur Stellungnahme in dieser
Angelegenheit
zu bewegen.“[6]
Die
Hoffnung, trotz der parteiübergreifenden Organisation in
absehbarer Zeit
konkrete Ergebnisse erzielen zu können, wurden
enttäuscht. Zwar erreichte man
im Reichstag in den ersten Jahren nach Vereinsgründung
mehrfach
Entschließungen, dass der Reichskanzler eine Kommission
einsetzen möge, welche
sich mit der Notwendigkeit eines Reichswohnungsgesetzes zu
beschäftigen habe,
aber nach einer ablehnenden Erklärung des zuständigen
Staatssekretärs des
Inneren Graf Posadowsky kam diese Kommission nicht zustande.[7] Um die eigenen
Reformvorschläge mit sachlichen
Argumenten zu untermauern, gab der Verein zu Beginn des 20.
Jahrhunderts eine
Sammelwerk in neun Bänden heraus, welches sich mit
verschiedenen Teilbereichen
des Wohnungswesens beschäftigte. Themen waren beispielsweise
die
Wohnungsinspektion, der Einsatz von Reichsmitteln für den Bau
kleiner
Wohnungen, die Rolle der Baugenossenschaften oder die Reform des
Mietrechts.
Karl von Mangoldt selbst übernahm die Bearbeitung des Themas
„Städtische
Bodenfrage“ und stellte schließlich, weit
außerhalb des ursprünglichen Rahmens,
ein über 800 Seiten starkes Standardwerk vor.[8]
In
die Öffentlichkeit ging der Verein schließlich mit
der Ausrichtung des Ersten
Allgemeinen Deutschen Wohnungskongresses, der im Oktober 1904 in
Frankfurt am
Main abgehalten wurde. Über 800 Personen nahmen an der
Veranstaltung teil, auf
der teilweise stürmisch diskutiert wurde; zu den Rednern
gehörten neben einigen
Landräten und Fachautoren der Reichs- und Landtagsabgeordnete
Dr. E. Jaeger und
Friedrich Naumann.[9]
Deutscher
Verein für
Wohnungsreform e.V. – Der steinige Weg zur Gesetzgebung
Die
Erfahrungen der ersten Jahre veranlassten die Vereinsverantwortlichen,
ihre
ursprüngliche Zielrichtung zu überdenken; zu
groß war der Widerstand auf
Reichsebene, eine umfassende gesetzliche Regelung zu schaffen. Um die
pragmatischen Überlegungen des Strategiewechsels auch nach
Außen zu
dokumentieren, erweiterte man ab dem Frühjahr 1904 den
Vereinsnamen um den
Zusatz „Deutscher Verein für
Wohnungsreform“ (DWV);[10]
ein
Name, der nach und nach in den Vordergrund drängte, bis der
Begriff
„Reichswohnungsgesetz“ vollständig
verschwand. Die Zeit bis zum Ersten
Weltkrieg war geprägt von Vortragsabenden und Lobbyarbeit,
darüber hinaus wurde
die Deutsche Wohnungskonferenz ins Leben gerufen, die als
regelmäßiges Forum
zum fachlichen Austausch zwischen den im Reich tätigen
Vereinen und Verbänden
der Wohnungsreform dienen sollte.[11]
Nach
den turbulenten Erfahrungen des ersten Wohnungskongresses, die u.a.
dadurch
ausgelöst wurden, dass die ebenfalls eingeladenen Vertreter
der
Hausbesitzervereine den Reformideen kritisch bis ablehnend
gegenüber standen,
entschied der Verein, zur zweiten
Veranstaltung dieser Art in Leipzig
im Jahr
1911 nur Vertreter nahe stehender Vereinigungen zuzulassen.[12] Während
der
erste
Wohnungskongress überhaupt erst die Notwendigkeit der
Einschaltung des Reiches
in die Wohnungspolitik formuliert hatte, lag der Wert des zweiten
Kongresses
darin, die Frage der Kapitalbeschaffung für den Wohnungsbau
aufzuwerfen und sie
damit langfristig in die wohnungspolitische Diskussion
einzuführen.[13]
Durch
den Ersten Weltkrieg nahm die allgemeine Bautätigkeit mit
fortschreitender
Kriegsdauer immer mehr ab,[14]
so dass die Wohnungsnot der Bevölkerung immer weiter an stieg.
Der DVW blieb
nicht untätig. Um seinen politischen Einfluss besser geltend
machen zu können,
verlegte er 1916 seine Geschäftsstelle von Frankfurt nach
Berlin.[15]
Dort
begleitete man die Vorarbeiten für das Preußische
Wohnungsgesetz, welches
allerdings erst 1918 Gestalt an nahm und aufgrund der
veränderten
gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lage nach Kriegsende von der
Realität
überholt war.[16] Auch auf Reichsebene
waren, wurde Erfolge
erzielt, vor allem, weil mit der reichsweiten Schaffung der Miet- und
Hypothekeneinigungsämter und der Einführung von
Baukostenbeihilfen ein Einstieg
in den Mieterschutz und die Wohnbauförderung erreicht wurde.
Dazu kam die
langfristig wirksame Maßnahme der Schaffung eines dem
Reichsamt des Innern
unterstellten Reichskommissars für das Wohnungswesen.[17]
Nach
dem Ersten Weltkrieg kam die Vereinsarbeit jedoch gänzlich zum
Erliegen. 1920
zog sich Karl von Mangoldt aus der Geschäftsführung
zurück, um sich
schriftstellerischer Tätigkeit zu widmen; Nachfolger wurde Dr.
H. Zieseler,
bislang zweiter Geschäftsführer der
Sächsischen Zentralstelle für
Wohnungsfürsorge in Dresden,[18]
der aber den Geschäftsbetrieb nur notdürftig erhalten
konnte. Aufgrund massiver
finanzieller Einbußen erschienen bis 1926 keine
eigenständigen Publikationen
und der Verein griff für die Veröffentlichung der
wenigen Mitteilungen und des
Jahresberichts auf die „Zeitschrift für
Wohnungswesen“ zurück.[19]
Ein
erster Versuch im Mai 1925, den Verein mit einer mit einer
großen „Kundgebung
für die Fortführung der Wohnungsreform“ neu
zu beleben, scheiterte an erneuten
personellen Wechseln, da zwei weitere Male innerhalb kurzer Zeit die
Geschäftsführung wechselte. Erst 1926
übernahm mit Bürgermeister a.D. Gustav
Schwan wieder ein Mann diesen Posten, der für eine
langfristige kontinuierliche
Entwicklung stehen konnte, allerdings brauchte er ein ganzes Jahr, um
den
Verein wieder zum Leben zu erwecken und alte und neue Mitglieder zu
aktivieren.[20]
Unterstützung erhielt er dabei von Rose von Mangoldt, die
nebenamtlich in die
Geschäftsstelle eintrat, um die Vereinsbibliothek
wissenschaftlich zu betreuen.[21]
Die
folgenden Jahre erlebte der Verein wieder einen stetigen Aufschwung,
nur kurz
unterbrochen durch die allgemeine Wirtschaftskrise nach 1929, und
schaffte nach
der Machtübernahme der Nationalsozialisten ohne
große Reibungsverluste den
Sprung ins Dritte Reich; im Protokoll der außerordentlichen
Mitgliederversammlung
vom 14. Juni 1933 heißt es dazu:
„Unter
Punkt 3) der Tagesordnung wurde sodann zur Frage der Neuwahl des
Verwaltungsrats Stellung genommen. Hierzu berichtet der
Geschäftsführer, man
sei bei der Durchprüfung der Liste der bisherigen
Verwaltungsratmitglieder zu
dem Ergebnis gekommen, diejenigen Herren, die als
Repräsentanten einer
Organisation anzusprechen wären, bei der eine Umschaltung auf
die neuen
Verhältnisse noch nicht stattgefunden oder die aus irgend
einem Grunde entweder
beurlaubt oder sonst aus ihrer Tätigkeit geschieden
wären, vorläufig aus der
Wiederwahl in den Verwaltungsrat ausser Betracht zu lassen.“[22]
Deutsche
Gesellschaft
für Wohnungswesen – Kurz vor dem Ziel
Neben
der beratenden Tätigkeit zur Wohnungspolitik auf Reichsebene
hielt der Verein
regelmäßige Vortragsabende mit prominenten Rednern
und anschließender
Aussprache ab. Doch im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs war keine
Entwicklung für
den Verein so bedeutend wie eine Reihe Besprechungen mit der Deutschen
Akademie
für Bauforschung und der Deutschen Akademie für
Städtebau, Reichs- und
Landesplanung unter Federführung des Reichsarbeitsministeriums
(RAM) im Jahr
1937. Hintergrund waren Überschneidungen in den Aufgaben, und
das RAM forcierte
eine Einigung, die in einer Kooperation der drei Institutionen endete.[23]
Per
Erlass vom 24. Januar 1938 erhielt der Verein für
Wohnungswesen, kurz vor dem
40-jährigen Bestehen, die Anerkennung als Forschungsstelle des
RAM.[24]
Da
sich durch diese staatliche Anerkennung die Aufgabengebiete des Vereins
erheblich erweiterten, wurde im Jahr 1939 eine Änderung des
Vereinsnamens in
„Deutsche Gesellschaft für Wohnungswesen
e.V.“ (DGW) beschlossen, um zum einen
gewachsenen Verantwortung gerecht zu werden und zum anderen der
Befürchtung
entgegen zu wirken, dass die Begriffe
„Wohnungsreform“ und „Verein“
in den
„neuen“ Landesteilen Sudetenland und
„Ostmark“ [Österreich, d.Verf.]
unverständlich sein könnten.[25]
Die
Tage der Zuständigkeit des RAM für die wichtigsten
Fragen im Wohnungswesen
waren nach Beginn des Zweiten Weltkriegs gezählt. Am 15.
November 1940 erschien
Hitlers „Erlaß zur Vorbereitung des Wohnungsbaues
nach dem Kriege“, mit dem
Robert Ley als Reichskommissar für den sozialen Wohnungsbau
eingesetzt wurde
und Franz Seldte als Reichsarbeitsminister die Abteilungen, die vorab
mit Bau-
und Wohnungsfragen betraut waren, teilweise an die neue Dienststelle
abtreten
musste.[26]
Der
Jahresbericht 1940 der DGW kommentierte den Führererlass; man
könne
„mit
innerster Befriedigung auf die Entwicklung der deutschen
Wohnungspolitik
blicken. Seit 1933 sind die Wünsche und Forderungen der
„Wohnungsreformer“ mehr
und mehr in der vom Reichsarbeitsministerium geleisteten Arbeit auf dem
Gebiete
des Wohnungs- und Siedlungswesens zur Geltung gekommen. Jetzt ist das,
was der
Gesellschaft vor mehr als 40 Jahren als Ziel, das aber als
völlig unerreichbar
beiseite geschoben werden mußte, vorgeschwebt hat, durch den
Führererlaß zur
Wirklichkeit geworden. Die Grundlage für eine wahrhaft soziale
Gestaltung des
Wohnungswesens des deutschen Volkes ist geschaffen.“[27]
Die
Forderung zur Errichtung von Wohnungen, die hinter dem Erlass zum
Wohnungsbau
nach dem Kriege stand, hatte das Arbeitswissenschaftliche Institut der
Deutschen Arbeitsfront im Vorfeld formuliert:
„Rund
300.000 Kinder werden zur Zeit jährlich nur deswegen nicht
geboren, weil die
elenden Wohnverhältnisse den Eltern den Mut dazu nehmen.
[…]
Sechs
Millionen Wohnungen müssen gebaut werden, und zwar ausreichend
große; [...]
Soll
dieses Wohnbauprogramm innerhalb eines Jahrzehnts verwirklicht werden
(was aus
Gründen der Bevölkerungspolitik notwendig ist), so
bedeutet das mehr als eine
Verdopplung der Bautätigkeit gegenüber dem
höchsten bisherigen Stand.“[28]
Deutsche
Akademie für
Wohnungswesen e.V. - im Zentrum von Hitlers sozialem Wohnungsbau
Ley,
neben seinem neuen Posten gleichzeitig Reichsorganisationsleiter der
NSDAP und
Leiter der Deutschen Arbeitsfront (DAF), bot der DGW an, seine
Forschungsinstitut zu werden, in dem alle wissenschaftlichen Arbeiten,
welche
zur Vorbereitung dieses gewaltigen Bauprogramms notwendig waren,
gebündelt
werden sollten; schließlich trat „am 23. Juli 1941
[...] ein Arbeitsausschuss
[…] zu einer Vorberatung zusammen, um unter dem Thema
„Zukünftige Gestaltung
der Gesellschaft und hierzu erforderliche
Satzungsänderung“ über den Vorschlag
des Reichskommissars schlüssig zu werden“[29]
Am 26.
August 1941 fasste die Mitgliederversammlung einstimmig den Beschluss,
Leys
Angebot anzunehmen. Die Gesellschaft änderte zum 1. Oktober
1941 ihren Namen in
„Deutsche Akademie für Wohnungswesen e.V. -
Forschungsstelle des
Reichskommissars für den Sozialen Wohnungsbau“ (DAW)
und gab sich eine neue
Satzung sowie eine neue Organisationsstruktur.
Von
Robert Leys Aktionismus, sofort nach seiner Ernennung aus allen in
seinem
Zugriff befindlichen Dienststellen Personal für die Errichtung
eines
Quasi-Reichsbauministeriums heranzuziehen,[30]
profitierte auch die DAW. Dort fanden sich nun Mitarbeiter zusammen,
die vorher
u.a. im Reichsarbeitsministerium, im Reichsheimstättenamt
sowie im Architekturbüro
der DAF tätig gewesen waren. Die neue Abteilung A der DAW, die
alte
„Gesellschaft für Wohnungswesen“, erhielt
den Untertitel „Grundsätzliche Fragen
der Wohnungs- und Siedlungspolitik“ und wurde personell durch
Mitarbeiter der
Abteilungen VI [Ortsplanung, d.Verf.] und
VII [Gebäudeplanung, d.Verf.]
des RKSW verstärkt, und zusätzlich wurden die
Abteilungen B – „Typung und
Normung“ und C – „Rationalisierung des
Bauvorgangs“ geschaffen.
Gesamtgeschäftsführer der Akademie und
Abteilungsleiter der Abteilung A wurde
der vorherige Geschäftsführer Bruno Schwan, die
beiden anderen Abteilungen
unterstanden Prof. Dr. Hans Spiegel und Stadtrat Hans
Schönbein.[31]
Die
Schwerpunkte verschobenen sich, weg von theoretischer Betrachtung des
Wohnungswesens, hin zur praktischen Erforschung von Baustoff-,
Wirtschaftlichkeits- oder Normungsfragen.
Die
Aufgaben der Abteilung A waren neben der weiteren Betreuung der stetig
anwachsenden Bibliothek und der jährlichen Herausgabe des
Literaturnachweises
des Wohnungs- und Siedlungswesens,[32]
die
Veranstaltung von Vorträgen sowie
„wissenschaftliche
Untersuchungen auf wohnungspolitischem, wohnungswirtschaftlichem,
sozialpolitischem, statistischem und bevölkerungspolitischem
Gebiet anzustellen
und zu diesem Zweck entsprechende Forschungs-Arbeiten, entweder mit
eigenen
Kräften auszuführen, oder aber an anerkannte
Wissenschaftler zu vergeben.“[33]
Die
Ernennung Hans Spiegels als Abteilungsleiter hatte sich erst kurz vor
seiner
Berufung abgezeichnet, eigentlich war hierfür Julius
Schulte-Frohlinde
vorgesehen gewesen, doch dieser meldete sich bald nach Beginn des
Krieges
überraschend zur Wehrmacht und machte so den Weg für
den schon seit Ende der
20er Jahre auf dem Gebiet der Rationalisierung tätigen Stahl-
und
Industriebaufachmann frei. Spiegel hatte vor 1930 im Auftrag der
Reichsforschungsgesellschaft für Wirtschaftlichkeit im Bau-
und Wohnungswesen
gearbeitet und noch 1939/40 bautechnische Versuchssiedlungen in der
„Stadt der
Hermann-Göring-Werke“ (Salzgitter) und der
„Stadt des KdF-Wagens“ (Wolfsburg)
betrieben.[34]
Zu den
Aufgaben seiner Abteilungen zählten nun u.a. technische
Bauforschung, Wärme-
und Schallschutz, Herausgabe von Werk-, Typen- und
Normblättern, Entwicklung
von Grundrisstypen und Landschaftsbauformen sowie die Normung von
Werkstoffen
und Bauweisen für den gesamten Wohnungsbau.[35]
(vgl.
Abb. 02 – Beschläge DAW)
Abteilung
C sollte u.a. die Betreuung von Versuchssiedlungen übernehmen,
Arbeitszeit oder
Material sparende Bauteile entwickeln, alle Möglichkeiten der
Produktionssteigerung
im Bauwesen erforschen und auch das Vertragswesen und die
Baustellenorganisation bearbeiten.[36]
Mit den
beiden neuen Abteilungen stellte sich die DAW in direkte Konkurrenz zur
Deutschen Akademie für Bauforschung, mit der man kurz zuvor
noch vertraglich
verbunden war.
Während
Abteilung A ihre Tätigkeit zumindest in Teilen
fortführen konnte und bereits
vergebene Aufträge für wissenschaftliche
Ausarbeitungen bruchlos fortgeführt
wurden (so z.B. von H.J. Wagenbach zur Reichswohnungspolitik[37]),
mussten die beiden anderen Abteilungen sich in Organisation und
Aufgaben
zunächst einarbeiten, wenn nicht auf Forschungs- und
Entwicklungsarbeiten aus
den Vorgängerinstitutionen zurück gegriffen werden
konnte. Dies war
beispielsweise in der Abteilung B möglich, wo Grundrisstypen
entwickelt werden
sollten und das Architekturbüro der DAF bereits mit den in
Teilen publizierten
„Reichsbauformen“ Vorarbeiten geleistet hatte.[38]
Gleiches galt für extern vergebene Aufträge wie die
Entwicklung von Küchen- und
Wirtschaftszellen, mit denen der Wuppertaler Professor Dr. Walter Stotz
beauftragt worden war.[39]
Welchen
Stellenwert diese Ausarbeitungen in der Phase des Zweiten Weltkriegs
vor dem Überfall auf die Sowjetunion einnahmen, ist an einer Rede
ablesbar, die Ley am
7. Dezember 1940 in Berlin hielt und in der er aus einer Unterredung
mit Hitler
zitierte:
„Eine
große Wohnküche, drei Schlafzimmer, eine
Speisekammer, ein Bad und ein Balkon.
[…] es darf keine Badewanne sein, sondern es muss eine
Dusche sein; sonst habe
ich Angst, dass die Frau ihre Kinder eins nach dem anderen im gleichen
Badewasser badet. Bei einer Dusche kann man das nicht.“[40]
Ley
ergänzte: „Bis in die kleinsten Kleinigkeiten hinein
ist die Wohnung das Werk
des Führers selbst.“[41]
Die
Entwicklung der Reichstypen lief nicht ausschließlich in der
DAW, auch wenn
dort ein Großteil der Arbeit gebündelt wurde. In
Zusammenarbeit mit Werner
Lindner, Karl Erdmannsdorfer und anderen, dem Deutschen Heimatbund nahe
stehenden Planern, wurden für verschiedene Haustypen wie
Einfamilien-,
Zweifamilienhäuser, Bauernhäuser oder
Kleinsiedlerstellen jeweils regionale
Gestaltungsmerkmale herausgearbeitet, um
„Landschaftsbaukreise in den Gauen“[42]
erstellen zu können. (vgl. Abb. 05 - Landschaftsgebundene
Bauweise) Darüber
hinaus wurde in vielen Gauen Architektenwettbewerbe
durchgeführt, um
landschaftstypische Formen für Kleinhäuser, aber auch
für zwei- oder
mehrstöckige Wohnblocks zu finden, die dann mit den
entwickelten
Reichstypengrundrissen gefüllt werden sollten. Die Ergebnisse
wurden teilweise
in der Zeitschrift „Der soziale Wohnungsbau in
Deutschland“ bzw. „Der
Wohnungsbau in Deutschland“ publiziert, dem Fachorgan der DAW
und dem
Reichswohnungskommisar (RWK), wie Ley sich seit dem 23. Oktober 1942
nennen durfte.
Nach dem entsprechenden Führererlass war er nun unter
Erweiterung seiner
Kompetenzen für den gesamten Wohnungsbau zuständig.[43]
Behelfsbauten
– Der
Abschied von der Wohnung
Aufgrund
eines Bombenvolltreffers auf das Gebäude des RWK in der
Berliner Moltkestrasse
ging im November 1943 kurz vor Abschluss die komplette Arbeit an den
Landschaftsgebundenen Bauweisen verloren;[44]
allerdings hatte die Abteilung B zu diesem Zeitpunkt bereits
dringlichere
Aufgaben übernommen. Die zunehmende Zerstörung der
deutschen Städte durch
Bombenangriffe verschärfte die ohnehin bestehende Wohnungsnot
erheblich und
machte provisorische Hilfsmaßnahmen, zunächst
beschränkt auf Arbeiter der
Rüstungsindustrie, erforderlich.[45]
Zu diesem Zweck hatte Albert Speer als Generalbevollmächtigter
der
Bauwirtschaft seinen Normungsbeauftragten Ernst Neufert[46]
mit der
Entwicklung von „Behelfsunterkünften für
Bombengeschädigte“ (BfB) beauftragt,
die schnell und billig im ganzen Reichsgebiet errichtet werden sollten.
Bemerkenswert war bei dieser Aktion, dass ein Teil der
Entwicklungsarbeiten in
der Abteilung von Hans Spiegel in der DAW erfolgte; bemerkenswert
insofern,
dass sich Spiegel und Neufert, was die Frage des „richtigen
Maß“ in der Normung
von Baustoffen anging, unversöhnlich gegenüber
standen.[47]
Die
schleppende Zuteilung von Kontingenten machte es früh
notwendig, auf
unterschiedliche Konstruktionsformen zurück zu greifen. Die
BfB wurden, sofern
sie im Montagebau durch ungelernte Arbeiter errichtet werden sollten,
zugunsten
weiterer Materialersparnis und Vereinfachung der
Arbeitsabläufe nochmals
überarbeitet und erhielten nun die Bezeichnung
„Kriegseinheitstyp“; die Normung
der Decken-, Dach- und Wandelemente ließ die Kombination von
Bauteilen
verschiedener Herstellern zu.
Nicht
nur die Gestaltung der Häuser stand in den
Überlegungen der Planer im
Mittelpunkt, sondern ebenso die Standorte, an denen die BfB errichtet
werden
sollten. Unter dem
Eindruck des
Bombenkrieges wurden die Auswirkungen von Bombenangriffen auf die
einzelnen
Konstruktionen diskutiert und gleichfalls
behelfsmäßige Luftschutzmaßnahmen
für
die Bewohner verordnet.[48]
An der Diskussion, inwieweit in der Endphase des Zweiten Weltkriegs
sogar beim
Barackenbau raumplanerische Gesichtspunkte zu berücksichtigen
seien,
beteiligten sich auch die Mitarbeiter von Karl Neupert, dem ehemaligen
Leiter
des Planungsbüros im Reichsheimstättenamt (RHA), der
im Februar 1944 erneut die
Bildfläche betrat.
Zu dieser
Zeit hatten die Stadtplaner in Albert Speers
„Arbeitsstab Wiederaufbauplanung für
bombenzerstörte Städte“ die
großen
Wiederaufbauaufträge eigentlich schon unter sich aufgeteilt,[49]
allerdings war die Machtprobe zwischen Speer und Ley, wer in den von
Hitler
festgelegten Neugestaltungsstädten das Sagen über den
Wohnungsbau haben würde,
noch nicht entschieden. Ley
erinnerte sich an den ebenso
selbstbewussten wie
sturen Neupert, der schon im Gau Sachsen des Jahres 1937 geschickt
agiert
hatte, um dort als Mitarbeiter der regionalen Planungsstelle des RHA
gegen
viele Widerstände eine Forschungsstelle für
Siedlungsgestaltung zu etablieren. Nachdem er sich,
inzwischen führend beim RHA in Berlin tätig, 1940 im
Kampf um die
Planungshoheit für den besetzten Osten mit der
übermächtigen SS angelegt hatte
und dabei auch noch das Reichspropagandaministerium gegen sich
aufbrachte,
wurde er unter Beteiligung des „Reichsministers für
die besetzten Ostgebiete“
Alfred Rosenberg politisch kalt gestellt und erhielt seine Einberufung
zur
Wehrmacht.[50]
Neupert
überlebte die skandinavischen Winter und
zwei Verwundungen und kehrte ungebrochen nach Berlin zurück,
wo er wieder in
Leys Dienste Ley trat. Mit seiner Einsetzung als Leiter
der neuen Abteilungen VII
beim RWK und III in der DAW (beide
„Siedlungsgestaltung“ genannt) sowie der neu
eingerichteten Forschungsstelle für Siedlungsgestaltung beim
kurz zuvor
wiederbelebten RHA erhielt er als „Beauftragter für
die Gestaltung der
Wohngebiete“ die notwendigen Kompetenzen, um gegen Speers
Planungsstab zu
bestehen.[51]
Ein
erstes Treffen mit Rudolf Wolters als Speers Planungsbeauftragtem[52]
im März
1944 ließ schnell Differenzen erkennen, da Neupert nicht
vorhatte, sich aus der
Planung der Wohngebiete in den 43 Neugestaltungsstädten heraus
halten zu
lassen; dafür vertraute er den beauftragten Architekten zu
wenig.[53]
Während
Neuperts Abteilung bereits am Entwurf eines Reichssiedlungsgesetzes
gearbeitete, mit dem weitere Kompetenzen aus dem RAM und der Deutschen
Akademie
für Städtebau, Reichs- und Landesplanung
herausgeschnitten werden sollten,[54]
erreichte er mit seiner Ausarbeitung „Der Aufbau der Wohnform
im Stadtverband“
im Oktober 1944 einen bemerkenswerten Erfolg: Speer, der die Arbeit von
Ley
persönlich erhalten hatte, antwortete am 24. November 1944:
„Ich
bin mit den Grundsätzen, die hier für den
zukünftigen Wohnungsbau aufgestellt
sind, einverstanden, vor allem vertrete ich ebenfalls ihre Auffassung,
daß der
Mehrgeschoßbau in den größeren
Städten unter keinen Umständen verhindert werden
kann, […]
Ich
habe meinem Arbeitsstab Wiederaufbauplanung Ihre Richtlinien gegeben
und ihn
angewiesen, diese Grundsätze den Planungen zu Grunde zu
legen.“[55]
Im
letzten Kriegsdrittel war Hans Spiegel mit seiner Abteilung, die
eigentlich die
Baunormung entscheidend voranbringen sollte, fast
ausschließlich mit der
Förderung des in allen Teilen des Reiches nur schleppend
laufenden Deutschen
Wohnungshilfswerks (DWH) beschäftigt. War schon bei den BfB
von einer
Reduzierung des Wohnungsbaus auf minimalen Standard die Rede, so sollte
nun,
u.a durch den nochmals vereinfachten Bau von Kleinsthäusern in
Art einer
Gartenlaube mit einer
Grundfläche von ca. 20
m² Wohnraum geschaffen werden, und
dies möglichst in
Eigenleistung durch die Ausgebombten.
Hierzu sollten alle greifbaren und
nicht kontingentierten Materialien
recht
sein und es kam zu Bauweisen aus
Holzstangen, Lehm, Trümmerschutt und vielem anderem mehr. Von Seiten der Bauindustrie gab es Versuche mit
Porenbeton,
Fertigbauteilen und dem Einsatz von Hochofenfilterasche als
Zementersatzstoff.[56]
Die
Grundfläche der Häuser war von Hitler
persönlich festgelegt worden und durfte
auf keinen Fall wesentlich überschritten werden;[57]
eine
Vorgabe, die nicht nur von prominenten Behelfsheimplanern wie Hans
Schwippert ignoriert wurde.
War
die Arbeit in der DAW allein schon durch die vielen Luftangriffe und
die damit
verbundenen Verluste an Arbeitsmaterialien empfindlich
gestört, so behinderte
auch der unberechenbare Robert Ley die konstruktive Entwicklung.[58]
Zu
Beginn des Jahres 1944 forderte er eine Änderung der
Organisationsstruktur der
DAW, mit der die Abteilung A aufgespalten wurde in Abteilung I
Wohnungsbaupolitik und II Wohnungsbestandspolitik. Abteilung III wurde
die
bereits genannte Siedlungsgestaltung, die neu geschaffene Abteilung IV
unter
Alfred Perret, einem Weimarer Neufertschüler und fanatischen
Nationalsozialisten, beschäftigte sich mit Baustoffen,
während Hans Spiegel nun
der Abteilung V vor stand; Aufgabe war zumindest auf dem Papier
weiterhin die
Typung und Normung. Schließlich wurde die vormalige Abteilung
C in Abteilung VI
umgewandelt und nannte sich „Wirtschaftliche
Fertigung“.[59]
Ihr
Leiter wurde Friedrich Kramer, der in den Jahren zuvor
Geschäftsführer der
„Stiftung zur Förderung von
Bauforschungen“ war, die im Herbst 1943 in der DAW
aufging[60]
und die
direkte Rechtsnachfolgerin der „Reichsforschungsgesellschaft
für
Wirtschaftlichkeit im Bau- und Wohnungswesen“ war. Ein ab
Sommer 1944 geplantes
Laboratorium, welches als Abteilung VII fungieren sollte - ein weiterer
Plan
zur Umorganisation lag bereits in der Schublade – wurde wohl
nicht mehr
arbeitsfähig.[61]
Zum
Zeitpunkt der Diskussion um das Laboratorium stand die deutsche
Ostfront
bereits vor dem Zusammenbruch und die DAW bemühte sich,
bombensichere
Auslagerungsmöglichkeiten für ihre Akten zu finden;
immerhin hatte man in den
knapp dreieinhalb Jahren des Bestehens mindestens 850
Forschungsaufträge
erteilt und teilweise abgeschlossen.[62]
Ein
Abtransport nach Naumburg a.d. Saale scheiterte wegen fehlender
Transportkapazitäten und als man eine Verlagerung nach
Pretzsch an der Elbe in
Erwägung zog, stand die Rote Armee schon am östlichen
Flussufer.[63]
Gleichzeitig mit den Bemühungen zu
retten, was zu retten
wäre, wurden noch
einige absurde Entwicklungen angestoßen, welche helfen
sollten, den verlorenen
Krieg doch noch zu gewinnen. Auf Vorschlag von Karl Neupert wurde noch
ein
„Sparmodell“ eines Behelfsheims entwickelt,
ausgeführt als Waldhütte, dessen Errichtung der
Bauherr mit einer
Prämie von 1000,-RM
vergütet bekommen sollte.[64]
Der Auftrag an die Firma Porsche, ein durch Anbauteile auf
35m² erweiterbares,
im Kern 25-m² großes Behelfsheim aus Stahl zu
entwickeln, welches fabrikseitig
mit Möbeln und Volkskühlsschrank ausgestattet sein
sollte und technisch so
vorbereitet sei, dass man Deichsel und Achse montieren könne,
um nach dem Krieg
als KdF-Wohnwagen zu dienen, wurde im Frühjahr 1945 nicht mehr
bearbeitet.[65]
Die
Nachkriegsgeschichte der DAW ist schnell
erzählt. Verstreut auf die Besatzungszonen Berlins, dazu in
Pretzsch und
anderswo, lagen ihre schriftlichen Hinterlassenschaften, aber ein
durchschlagendes öffentliches Interesse an einer
Wiederbelebung der Akademie
war nicht auszumachen. Hans Scharoun als zuständiger Berliner
Stadtbaurat (auch
er hatte selbst 1942/43 einen Forschungsauftrag der DAW erhalten[66])
zeigte nur bei den fruchtlosen Bemühungen von Rose von
Mangoldt, die über
10.000 Bände umfassende Bibliothek aus Liegnitz zu sichern,
größeres Engagement
und von Seiten der sowjetisch besetzten Zone war man in erster Linie an
den
Erkenntnissen zur Trümmerverwertung und zum Behelfsheimbau aus
Fertigbauteilen
interessiert und übernahm einen wichtigen Teil der Akten der
DAW in das
Institut für Bauwesen der Deutschen Akademie der
Wissenschaften.[67]
Als leere Hülle, nur noch ein Aktenzeichen im Berliner
Vereinsregister, erlosch
die DAW am 29. Juli 1950. Am Aushang des Amtsgerichts Charlottenburg
war zu
lesen:
„Der Verein ist von
Amts wegen gelöscht, weil weder
Mitglieder noch Vermögen mehr vorhanden sind.“[68]
„…
daß Architektur gefrorene Musik sei“ (Arthur
Schopenhauer)[69]
Welch eine Vorstellung: nach dem
gewonnenen Krieg
würde sich im gesamten Deutschen Reich eine nie gesehene
Bautätigkeit entfalten
– 500.000 Wohnungen oder auch mehr entstünden
jährlich, gebaut nach normierten
Grundrissen, lediglich die äußere Dekoration der
Gebäude böte einen
Anhaltspunkt für die Entstehungsregion. Der Facharbeiter aus
dem Ruhrgebiet,
zugunsten eines neuen Arbeitsplatzes gerade nach Schlesien oder Pommern
umgezogen, stellte in der neuen Wohnung seine normierten Möbel
an den gleichen
Stellen auf wie zuvor, da die typisierten Grundrisse reichsweit
identisch
wären. All diese Gebäude gliederten sich nach einer
Siedlungsgestaltung, die
die Ortsgruppe der NSDAP als Siedlungszelle berücksichtigte
und eine
gegenseitige Kontrolle ermöglichte – das Individuum
wäre nichts, die
Volksgemeinschaft alles.
Ob diese
Utopie, die in einigen Köpfen der
verantwortlichen Planer des RWK und der DAW vorhanden waren, den
Gründern des
Vereins Reichswohnungsgesetz gefallen hätte, muss fraglich
bleiben. Diese
Annahme erscheint aber, vergleicht man die Intention, mit der der
Verein
ursprünglich gegründet wurde mit den Ausarbeitungen
der DAW, eher
unwahrscheinlich.
Von der
Idee eines massenhaft durch rationalisierten
Wohnungsbaus mit einer Produktion von hundert tausenden Wohnungen im
Jahr bis
zum notdürftig überdachten Erdloch für
Ausgebombte war es im Zweiten Weltkrieg
nur ein kleiner Schritt – und die DAW als
Forschungseinrichtung des
Reichswohnungskommissars suchte für jede Situation die
passenden Antworten; ob
die an sie gestellten Fragen noch sinnvoll waren, wurde in der absurden
und
mörderischen Logik der kriegerischen, durch den
Nationalsozialismus ausgelösten
Gewaltspirale nicht mehr gefragt.
Als
Verein Reichswohnungsgesetz und in den ersten
Jahren auch als Deutscher Verein für Wohnungsreform
führten die Mitglieder
einen zähen Kampf um Anerkennung ihrer Ideen zur Schaffung von
gutem und
preiswertem Wohnraum für die deutsche Bevölkerung und
scheuten dabei nicht die
Auseinandersetzung mit den Regierenden. Jedoch war spätestens
nach der
Angliederung des Vereins an das RAM und der Umbenennung in Deutsche
Gesellschaft für Wohnungswesen (vielleicht aber auch schon mit
der willfährigen
Bereitschaft, sich nach der Machtergreifung 1933 gleich schalten zu
lassen)
diese Kraft zum Widerstand gegen fragwürdige politische
Entscheidungen
gebrochen, und in den folgenden Jahren bis zum Ende des Zweiten
Weltkriegs
verstrickte man sich in ein politisches System, in dem es in Konkurrenz
mit
einer stetig anwachsenden Zahl von konkurrierenden Institutionen nur
noch um
Machterhalt ging und mit dem man nur untergehen konnte.[70]
Mit den
Bestrebungen zur Rationalisierung und
Entwicklung neuer Baustoffe und -verfahren förderte die DAW
einen
technologischen Fortschritt, der kaum mit der in der heutigen
Öffentlichkeit
immer noch weit verbreiteten Vorstellung von der
„Blut-und-Boden“-orientierten,
handwerklich geprägten architektonischen Zielsetzungen des
Nationalsozialismus
vereinbar ist. Jedoch wird man der DAW mit der Reduzierung ihrer Arbeit
auf die
beiden Abteilungen Typung und Normung und Siedlungsgestaltung nicht
gerecht;
haben doch gerade in den Abteilungen „Baustoffe“
oder „Rationalisierung des
Bauvorgangs“ Entwicklungen stattgefunden, die sich konkret
auf den Wiederaufbau
in beiden deutschen Staaten auswirkten.[71]
Und so findet, wer sich mit der DAW beschäftigt hat, in 50er
und 60er Jahren an
vielen Stellen des Wohnungsbaus Spuren von bautechnologischem
Fortschritt, der
während des Zweiten Weltkriegs erreicht wurde, den die
Beteiligten aber nur
allzu gerne in eine politisch unverdächtige
Kontinuität vor 1933 verlegten,
weil dieser Fortschritt im Allgemeinen allzu eng dem
Nationalsozialismus und im
Speziellen auch noch mit Robert Ley als Reichswohnungskommissar
verknüpft war –
zu einer Zeit, als Architektur keine gefrorene Musik sein sollte,
sondern
gefrorene Macht – wenn sie denn gebaut worden wäre.
Epilog
Im Juli 1945 fand man am Ufer
der Spree den Leichnam
eines älteren Mannes. Lediglich die Quittung einer Reinigung
in seiner
Manteltasche bot einen Anhaltspunkt, um wen es sich handelte; es war
Karl von
Mangoldt. Er war von der Straße weg verhaftet und mit einem
russischen
Militärlastwagen abtransportiert worden und seine angegriffene
Gesundheit war
dieser Belastung nicht gewachsen. Karl von Mangoldt starb vermutlich an
einem
Herzinfarkt, und ihm blieb so zumindest erspart mit anzusehen, wie der
von ihm
gegründete Verein Reichswohnungsgesetz, der dann zur Deutschen
Akademie für
Wohnungswesen wurde, unterging.[72]
[1] Wagenbach, Heinrich
Joseph: Geschichte
der Reichswohnungspolitik in vier Jahrzehnten 1900 – 1940,
unveröffentlichter Druckbogen, Berlin 1943 / Bonn 1974, 1.
[2] Deutscher Verein
für
Wohnungsreform: Dreissig Jahre Wohnungsreform 1898
– 1928. Denkschrift aus
Anlaß des dreissigjährigen Bestehens,
Berlin: Heymann 1928, 8.
[3] Frankfurter Nachrichten,
14.5.1898, 2274. Häußermann und Siebel unterscheiden
bei den
Wohnungsreformbestrebungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts zwischen
der
bürgerlichen und der sozialistischen Wohnungsreform; der
Verein
Reich-Wohnungsgesetz ist der ersten Kategorie zuzuordnen; siehe:
Häußermann,
Hartmut / Siebel, Walter: Soziologie des
Wohnens. Eine Einführung in Wandel und Ausdifferenzierung des
Wohnens,
Weinheim/München: Juventa 1996, 85 – 100.
[5] Frankfurter Nachrichten,
26.5.1898, 2133.
[6] Verein Reichs-Wohnungsgesetz
(Hrsg.): Was wollen wir thun in der Wohnungsfrage,
Frankfurt a.M. 1900,
28.
[7] Deutscher Verein
für
Wohnungsreform: Dreissig Jahre Wohnungsreform,
a.a.O., 16f.
[10] Verein Reichs-Wohnungsgesetz
(eingetragener Verein, Frankfurt a.M.): Bericht für
das sechste
Geschäftsjahr vom 1. Januar bis 31. Dezember 1903 und Jahrbuch
der
Wohnungsreform im Jahre 1903, Göttingen 1904, 13.
[11] Deutscher Verein
für
Wohnungsreform: Dreissig Jahre Wohnungsreform,
a.a.O., 27.
[12] Die
Nichtberücksichtigung der
Hausbesitzervereine führte zu einem öffentlichen
Disput, teilweise nachzulesen
in: Wischermann, Clemens / Teuteberg, Hans Jürgen: Wohnalltag
in Deutschland
1850 – 1914. Bilder, Daten, Dokumente,
Münster: Coppenrath 1985, 396 – 400.
[13] Wagenbach, Heinrich Joseph: Reichswohnungspolitik,
a.a.O., 29.
[15] Schwan, Bruno:
„Zur Geschichte und
Tätigkeit der Deutschen Gesellschaft für
Wohnungswesen“, in: Reichsarbeitsblatt,
12/1940, 181.
[16] Von 113.000 fertig
gestellten
Wohnungen im Jahr 1914 auf 2.800 Wohnungen im Jahr 1918; siehe:
Wagenbach, Heinrich
Joseph: Reichswohnungspolitik, a.a.O., 44.
[18] o.V.: „Deutscher
Verein für
Wohnungsreform und Deutscher Wohnungsausschuß, in: Zeitschrift
für
Wohnungswesen, 8/1920, 125.
[19] o.V.:
„Jahresbericht über das Jahr
1920“, in: Zeitschrift für Wohnungswesen,
12/1920, 152.
[20] Deutscher Verein
für
Wohnungsreform: Dreissig Jahre Wohnungsreform,
a.a.O., 68f.
[21] Ebd., 70. Rose von Mangoldt,
geborene Otto, war 1910 als zweite Frau im Deutschen Reich
hauptamtliche
Wohnungsinspektorin der Stadt Halle geworden und nahm in dieser
Funktion auch
am Zweiten Deutschen Wohnungskongress teil. Sie musste nach ihrer
Hochzeit mit
Karl von Mangoldt ihren Arbeitsplatz aufgeben, da das damals in
Preußen
geltende Beamtenrecht eine Beschäftigung verheirateter Frauen
nicht vorsah;
siehe hierzu: Hauser, Andrea: Halle an der Spitze: Die zweite
hauptamtliche
Wohnungsinspektorin im deutschen Reich,
www.stadtgeschichte-halle.de/index.php?id=34210 (Abruf am 4. Januar
2010).
[22] Landesarchiv Berlin
(LArchB), Rep.
042 Nr. 26729, Bl. 169.
[23] Deutscher Verein
für
Wohnungsreform (e.V.): Jahresbericht über das
Geschäftsjahr 1937,
Berlin: Hermann Schütz 1938, 14.
[24] Hauptstaatsarchiv Stuttgart,
E15/08 Bu 498, Bl. 12.
[25] Deutsche Gesellschaft
für
Wohnungswesen (e.V.): Jahresbericht über das
Geschäftsjahr 1939, Berlin:
Hermann Schütz 1940, 6.
[26] Der Vorgang des
Zuständigkeitsübergangs ist ebenso wie die
Auseinandersetzungen um die
Entstehung des Führererlasses nachzulesen bei: Harlander,
Tilman: Zwischen
Heimstätte und Wohnmaschine. Wohnungsbau und Wohnungspolitik
in der Zeit des
Nationalsozialismus, Birkhäuser: Basel/Berlin/Boston
1995, 191 – 213.
[27] Deutsche Gesellschaft
für
Wohnungswesen (e.V.): Jahresbericht über das
Geschäftsjahr 1940, Hermann
Schütz: Berlin 1940, 8.
[28] o.V.:
„Denkschrift: Die Sozialen
Aufgaben nach dem Kriege“; in: Arbeitswissenschaftliches
Institut der Deutschen
Arbeitsfront: Jahrbuch 1940/41, Berlin 1941; zit.
nach: Harlander,
Tilman / Fehl, Gerhard (Hg.): Hitlers Sozialer Wohnungsbau
1940 – 1945.
Wohnungspolitik, Baugestaltung und Siedlungsplanung,
Christians: Hamburg
1986, 112.
[29] Hier und im Folgenden:
Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde (BArchB), R4002/9, Bl. 18f.
[30] Harlander, Tilman: Zwischen
Heimstätte und Wohnmaschine, a.a.O., 209f.
[31] BArchB: R4002/9, Bl. 25.
[32] Die Buchreihe, ab 1933 von Rose
von Mangoldt bearbeitet, wurde mit dem Band 1941 aufgrund der
Kriegsentwicklung
eingestellt.
[33] BarchB, R4002/9, Bl. 26.
[34] Archiv Spiegel; Umfangreiche
Nachweise über Spiegels Tätigkeit finden sich in
seinem Privatnachlass, der
bislang nicht wissenschaftlich ausgewertet ist.
[35] BArchB, R4002/9, Bl. 27.
[37] Heinrich Joseph Wagenbach: Reichswohnungspolitik,
a.a.O., IIIf.
[38] Brand, Fritz: „Normung
von
Innentüren“, in: Bauen, Siedeln, Wohnen, 8/1940, 261
– 278. Die Mitarbeiter
Fritz Brand, Johannes Jacob und Joseph Kaiser arbeiteten weiter an
normierter
Grundrisse, die nun „Reichstypen für den
Wohnungsbau“ genannt wurden.
[39] Privatarchiv Stotz;
überliefert
sind Planungen für Küchen- und Badgestaltungen in
normierten Räumen sowie
zahlreiche Zeichnungen über die Unterbringung der passenden
Haushaltsgegenstände.
[40] BArchB, 4604/149, Bl. 34, zit.
nach: Harlander, Tilman: Hitlers Sozialer Wohnungsbau,
a.a.0., 207.
[42] Jacob, Johannes:
„Landschaft und
Baugestaltung“, in: „ Der
soziale
Wohnungsbau in Deutschland, 21/1941, 761 – 770.
[43] Harlander, Tilman: Hitlers
Sozialer Wohnungsbau, a.a.O., 220.
[44] BArchB, R4002/64,
„Jahresbericht
1943 der Abteilung B „Typung und Normung“ der
Deutschen Akademie für
Wohnungswesen“, 3.
[45] Der Reichswohnungskommissar:
„Betrifft: Sondermaßnahmen zur Schaffung von
Behelfsunterkünften für
Bombengeschädigte; hier: Einweisung von
Bombengeschädigten in die Wohnungen“,
in: Der Wohnungsbau in Deutschland,
5-6/1943, 148f.
[46] Zur Person und Funktion von Ernst
Neufert siehe: Prigge, Walter: Ernst Neufert. Normierte
Baukultur,
Campus: Frankfurt am Main 1999.
[47] Die Auseinandersetzung um die
„richtige“ Normung fand sowohl in den
Normenausschüssen als auch in
Fachzeitschriften statt, so z.B. in „Der soziale Wohnungsbau
in Deutschland“,
12/1941, 449 – 479.
[48] Neufert, Ernst:
„Möglichkeiten der
Gestaltung beim Kriegseinheitstyp“, in: WD, Heft 17-18/1943,
279 – 282; sowie:
Nicolaus, F.: „Ortsplanung im Kriegswohnungsbau, in: WD, Heft
17-18/1943, 283 –
287.
[49] Nachzulesen in: Durth, Werner: Deutsche Architekten. Biographische
Verflechtungen, Krämer: Stuttgart 2000.
[50]
Vertiefend dargestellt in:
Keilmann, Arne: „Karl Neupert. Der verhinderte Stuttgarter
Schüler“, in:
Krauskopf, Kai / Lippert, Hans-Georg / Zaschke, Kerstin: Neue
Tradition.
Konzepte einer anitmodernen Moderne in Deutschland 1920 – 1960,
Thelem:
Dresden 2009, 193 – 220.
[51] Harlander, Tilman: Hitlers
Sozialer Wohnungsbau, a.a.O., 281f.
[52] BArchB, R4002/102, Bl. 219.
[53] BArchB, R4002/28, Bl. 121.
[54] BArchB, R4002/27:
„Abgrenzung der
Zuständigkeit zwischen RWK und RAM in zwei graphischen
Tafeln“; sowie BArchB,
R4002/102, Bl. 163 – 166.
[55] BArchB, R4002/96, Bl. 57.
[56] Die Zahl an Behelfsheimtypen nach
dem DWH ist kaum überschaubar; aus dem Aktenbestand der DAW
lassen über 200
verschiedene Hersteller ableiten.
[57] BArchB, R4002/2, Bl 123.
[58] Zur Person Robert Ley siehe:
Smelser, Ronald: Robert Ley. Hitlers Mann an der
Arbeitsfront. Eine
Biographie, Schöningh: Paderborn 1989.
[59] BArchB, R4002/61, Bl. 22.
[60] LArchB, C Rep. 800,468.
[61] BArchB, R4002/247, o.S.; die
Angaben zur Einrichtung des Laboratoriums sind unvollständig.
[62] Darunter waren viele Architekten,
die in der ersten Nachkriegszeit eine bedeutende Rolle gespielt haben;
allerdings ist der Aktenbestand der DAW lückenhaft.
[63] BArchB, R4002/67, Bl 128f.
[65] BArchB, R4002/75, Bl 485;
Telefonat mit Herrn Dieter Landenberger, Porsche-Archiv, am 23. Juni
2006.
[66] o.V.: Werkverzeichnis Hans
Scharoun Nr. 151 – 175,
www.stiftung-hausschminke.eu/de/Haus_Schminke/Hans_Scharoun/
Der_Architekt_Werksverzeichnis/Architektur_Wv_151-175.pdf
(Abruf am 5. Januar 2010), Lfd. Nr. 158.
[67] LArchB, C Rep. 800, 443, Vertrag
vom 16. November 1948.
[68] LArchB, B Rep.042/26729, Bd. 3,
Bl. 375.
[69] Schopenhauer, Arthur: Die
Welt
als Wille und Vorstellung II, Kap. 39, zit. nach: John,
Johannes: Reclams
Zitatenlexikon, Reclam: Stuttgart 1992, 31.
[70] Harlander, Tilman: Hitlers
Sozialer Wohnungsbau, a.a.O.,
281 – 289.
[71] Eine ausführliche
Darstellung der
Arbeit der DAW bleibt der Dissertation zum gleichen Thema vorbehalten.
[72] Aus einem Gespräch mit Karl
von
Mangoldts jüngerer Tochter Inge Lingnau am 15.2.2004.
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