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Eine
andere Karriere...
Eigentlich
hätte Karl Neuperts
berufliche Karriere einen handwerklich bodenständigen Verlauf
nehmen können,
und auf dem Papier sah es lange so aus, als würde genau dies
eintreten. Geboren
als zweites Kind der Eheleute Helene, geb. Schneider, und Richard
Neupert, durchlief Karl einen für
seine Zeit typischen Werdegang,
der zur Übernahme
des väterlichen Baubetriebes hätte führen
sollen. Nach Abschluss der
Volksschule absolvierte er eine Ausbildung zum Zimmermann und besuchte
anschließend zwischen 1928 und 1931 die Sächsische
Staatsbauschule für Hochbau
in Dresden. Dass sich das dortige, eigentlich auf fünf
Semester ausgelegte
Studium über vier Jahre hinzog, lag an Neuperts Mitarbeit im
elterlichen
Betrieb im thüringischen Tanna während der
sommerlichen Bausaison, bei der er
„zu allen im Baugeschäft vorkommenden Arbeiten
herangezogen (wurde) und […]
hierbei Fleiß und Ausdauer (zeigte)“[1]. Auch sein
anschließendes Architekturstudium im nahen
Weimar ließ immer noch die Möglichkeit offen, als
ausgebildeter Architekt das
Repertoire des elterlichen Betriebs zu erweitern und als
eigenständig planender
Bauunternehmer tätig zu sein. Es sollte anders kommen.
Ausbildung
Neuperts
Studium an der seit Herbst
1930 vom frühen nationalsozialistischen Kulturvordenker Paul
Schultze-Naumburg
geleiteten „Staatlichen Hochschule für Baukunst,
bildende Künste und Handwerk“
im thüringischen Weimar fiel in eine politisch unruhige Zeit
mit konkreten
Auswirkungen auf den Ausbildungsbetrieb. Schultze-Naumburg verdankte
seine
Einsetzung als Direktor der Hochschule der ersten Regierungsbeteiligung
von Nationalsozialisten
in einer Landesregierung im Deutschen Reich; zuständig
für die Stellenbesetzung
war der neue Innen- und Volksbildungsminister Dr. Wilhelm Frick, dessen
Erlass
„wider die Negerkultur für deutsches
Volkstum“ vom 5. April 1930 auf überregionale
kritische Aufmerksamkeit gestoßen war. Ziel der
Frick’schen Bildungspolitik
sollte sein, das Land zu einem „Zentrum der deutschen Kultur
faschistischer Herkunft“[2] zu machen, und
Schultze-Naumburg war der passende
Mann. Als führendes Mitglied des nationalsozialistischen
„Kampfbundes für
deutsche Kultur“ hatte er im Jahr 1928 das Buch
„Kunst und Rasse“
veröffentlicht, ein Werk, welches ihn in eine Linie mit den
„Rasseforschern“ F.
K. Günther und Walther Darré stellte, mit denen er
nach seinem 1918 erfolgten
Eintritt in die Deutschnationale Volkpartei in Kontakt stand.[3]
In der
Hochschule für Baukunst
behielt Schultze-Naumburg die Gliederung des Studiums in vier Semester
bei, die
schon sein Vorgänger Otto Bartning eingeführt hatte,
allerdings wurden fast
sämtliche Lehrkräfte ausgetauscht, darunter auch
Ernst Neufert, der später als
Normungsfachmann weltweite Berühmtheit erlangen sollte. Die
Beschränkung auf
ein kurzes Studium mit der ebenfalls übernommenen Praxis, das
Studium auch für
Schüler ohne Hochschulreife, aber dafür mit
ausreichender Praxiserfahrung zu öffnen,
sollte in den nächsten Jahren zu Auseinandersetzungen
führen, da der ab 1933
verliehene Titel des Diplom-Architekten (Dipl. Arch.) reichsweit
zunächst nicht
anerkannt war.[4]
Die im
elterlichen Betrieb
erworbenen Kenntnisse bescherten Neupert bereits im ersten Semester
einen
Erfolg im Wettbewerb des Akademischen Architektenvereins an der
Hochschule, bei
dem er hinter den drei Preisträgern eine lobende
Erwähnung erhielt. Das
Preisgericht, bestehend u. a. aus den Lehrern Schultze-Naumburg und
Fritz
Norkauer, kam zu dem Urteil, dass
„die Gesamtverteilung
[…] geschickt
und künstlerisch empfunden (ist). Auch das
Äußere des Aufbaues zeugt von guter
Baugesinnung. Leider scheidet der Entwurf durch eine Reihe von schweren
Fehlern
in der Grundrissanordnung von einer Prämierung aus, ohne die
der Entwurf
wahrscheinlich zu einem Preis hätte herangezogen werden
können.“[5]
Die
Weimarer Hochschule war, bedingt
durch Thüringens Sonderstellung in der politischen Entwicklung
im Reich,
bereits ab 1930 eine Hochburg des Nationalsozialistischen Deutschen
Studentenbundes (NSDStB). Neupert, Anhänger der durch Gregor
Strasser
vertretenen sozialrevolutionären, antikapitalistischen
Richtung der NSDAP,
stand durch seine Funktion als Studentenbundführer im Lauf des
Jahres 1932 in
Zentrum des sich verstärkenden Konfliktes zwischen dem
Direktorium der Schule
und der Studentenschaft, welche mit steigender Ungeduld auf die
Gleichstellung
des Abschlusses mit der Ausbildung an Technischen Hochschulen wartete.
Die
Auseinandersetzung erreichte einen Höhepunkt, als er im
Sommersemester 1933 vom
Lehrbetrieb ausgeschlossen wurde. Nach nur einem Monat trat er
übergangsweise
eine Tätigkeit bei der Bauhütte Dresden GmbH an, um
zum folgenden
Wintersemester sein Studium wiederaufzunehmen. Das folgende
Sommersemester fiel
zugunsten praktischer Arbeit aus, aber zum Ende des nächsten
Wintersemesters,
vom 24. bis zum 27. April 1935, legte Neupert seine
Abschlussprüfung in Weimar
mit „gut“ ab.[6]
Nach
seinem Studienabschluss
durchlief Neupert einige für Jungarchitekten der damaligen
Zeit typische
berufliche Stationen. Zunächst aushilfsweise für
einen Monat als Mitarbeiter
des Stadtbauamtes Weimar mit der „zu steuerlichen Zwecken
auszuführende(n)
Festsetzung von Friedensmieten für die in den vergangenen
Jahren im Stadtkreis
Weimar ausgeführten Umbauarbeiten an Wohnhäusern
usw.“ beschäftigt,[7] profitierte er erstmals
beruflich von den
verstärkten Rüstungsbestrebungen des Reiches und trat
im Juli 1935 in den
Dienst des Heeresbauamtes Naumburg/Saale, wo er bis zum März
1936 als
Entwurfsarchitekt und örtlicher Bauführer an der
Errichtung des Kriegsgerichts
mit Standortarrestanstalt und Heeresstandortverwaltung beteiligt war
und ein
Offiziersheim entwarf.[8] Das folgende halbe Jahr
verbrachte er am
Marine-Standortbauamt Kiel zur „Bearbeitung eines Entwurfes
für den Umbau eines
Landhauses zu einem Offizierskasino, von Entwürfen
für die Gebäude des
Sportplatzes und Schießstandes, sowie für eine
Schwimmanstalt“ und gleichzeitig
hatte er „für diese Bauten sowie für die
Durchführung der gesamten
gärtnerischen Anlagen des sehr ausgedehnten
Kasernengeländes auch die Ausschreibung
ausgearbeitet, die Bauleitung ausgeübt und die Abrechung
fertig gestellt“.[9]
Totale
Planung in Sachsen
Den
Eintritt in die Siedlungsplanung
verdankte Neupert nach eigenen Angaben „Hitlers
Maßnahmen der Aufrüstung und
der Arbeitsbeschaffung“, da diese
„überraschend Siedlungsmaßnahmen zur
Folge“
hatten.[10] Am 16. Januar 1937 wurde er
Mitarbeiter in der
Planungsstelle Sachsen des Reichsheimstättenamtes (RHA) in
Dresden. Seine
Mitarbeiter waren u. a. die Sekretärin Johanna Woelk sowie die
Architekten Hubert
Grenzer, Günther Kurnitzky und Kurt Weitze[11]; fachlicher
Vorgesetzter war der Leiter der Planungsstelle des RHA in Berlin, Georg
Laub,
der als Wetzel-Absolvent eine große Anzahl ehemaliger
Kommilitonen in seiner
Dienststelle versammelt hatte. Neupert lernte so „die
Wetzelsche
‚Siedlungsplanung‘ aus der Hand der zum Teil
hochbegabten intellektuellen
Wetzelschüler kennen“.[12] Er berichtet:
„Durch Zufall geriet
ich an die
ersten Großsiedlungen des Vierjahresplanes in Sachsen. Ich
griff sie auf und
experimentierte zunächst mit den Fehlern Wetzelscher Planung
bis ich
schließlich über eine von mir gegen den Willen des
Gauleiters in Dresden
gegründete Forschungsstelle für Siedlungsgestaltung
zu jener Vereinigung
Wetzelscher Erkenntnisse –Einschlag und Schwelle –
mit denen Theodor Fischers
von der Fläche vorstieß.[13] Bei der Planung Zschopau
für das Werk der Auto-Union
fand ich mit Max Reisinger […] den ‚Stein der
Weisen‘“[14]
Damit
fühlte er sich erhaben über alle
anderen Wetzel-Schüler, obwohl – oder gerade weil er
als „Nichtakademiker“[15] nicht in Stuttgart studiert
hatte:
„Keiner der
Schüler Wetzels hat
seinen Meister je verstanden, geschweige denn durch ihn aus dem
Verständnis
heraus weiterzuentwickeln vermocht. Sie sind durchweg
äußerst kümmerliche Epigonen
geblieben. Das gilt für Guther, später Lehrer in
Darmstadt, für Liedecke,
Landesplaner in Ostpreußen, für Offenberg,
Stadtbaurat in Bremen und später
Architekt des Reichsbundes für Kriegsgräber,
für Erdle, den Romantiker der
Siedlungen für die
ausgesiedelten Südtiroler,
für Osterwohld und viele andere.“[16]
Georg
Laub blieb der einzige
Stuttgarter Absolvent, dem Neupert Respekt entgegenbrachte.
Für das
Planungsheft „Die Siedlung“, welches Laub zusammen
mit Willy Kirchner
herausgegeben hatte, stellte Neupert umfangreiches Material aus seiner
sächsischen Planungsabteilung zur Verfügung. Laub
verließ 1938 seinen Posten
„als ich [Neupert, d. Verf.]
den
Marsch gegen Speer antrat […]. Dazu fehlte ihm die seelische
und schließlich
auch die geistige Kraft.“[17] Neupert sah sich
„gezwungen“, Laubs Nachfolge in
Berlin zu übernehmen und kam so nach eigenem Bekunden
„in die Gelegenheit, die
inzwischen gewonnenen Erkenntnisse mit Unterstützung des
jungen von Dr. Ley
eingesetzten Leiters des RHA [gemeint ist Dr. Paul Steinhauser, d.Verf.] in
„Städtebild und Landschaft“
niederzulegen.“[18] Die Entwicklungsarbeit an der
Theorie der
Siedlungsgestaltung war zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen,
so dass
sich beispielsweise in den Gebäudelängen noch
fachliche Fehler zeigten.[19] Allerdings hatte Neupert
bereits das Prinzip des
topographischen Geländemodells eingeführt, welches
grundsätzlich die Wirkung
der Planung in der Landschaft veranschaulichen sollte.
Das RHA war in der Mitte der
1930er
Jahre über seine ursprüngliche Bedeutung einer
Institution der Siedlerberatung
hinausgewachsen und schaltete sich nach eigenem Ermessen in die
Siedlungsplanung auf kommunaler Ebene ein. Die Situation des Berliner
Amtes kurz vor Eintritt Neuperts in die Dresdner
Planungsstelle beschreibt
Peter
Koller:
„Das
‚Heimstättenamt der DAF‘ (das
sich auch Reichsheimstättenamt der NSDAP und DAF nannte)
[…], (geleitet) von
Ludowici (auch ‚Siedlungsbeauftragter im Stabe des
Stellvertreters des Führers‘
genannt), war im ersten Anlauf 1934 ein großes Sammelbecken,
in das jeder mal
reinkam (und auch schnell wieder raus!). Waldmann und Laub waren lokale
Größen,
die ‚Ludo‘ aus der Pfalz mitgebracht hatte,
ersterer sehr befähigt, letzterer
ein kleiner Geist, der ganz kleine Klötzchen nett schieben
konnte, aber sonst
nicht wusste, was er sollte. Grosser war da (starb leider bald) und
Umlauf;
beide hatte ich damals für Aachen geholt, bevor wir alle drei
von ‚Schönheit
der Arbeit‘ unter Speer zu Ludo hin organisiert wurden. Hans
Simon gab auch
einmal eine Gastrolle; der Statistiker Uebler, der dann zum
‚4 Jahresplan‘
ging, Hoffmann, der als ‚Netz-Hoffmann‘ zu Todt
ging (nach 45 Bez.planer in
Braunschweig). Frick junior, Unger und wie sie alle hießen.
(Pfannschmidt und
Kornrumpf saßen bei Ludo in München beim
‚Stab…‘.) Heintz, der hervorragende
Garten u. Siedlungsfachmann, der jede Pflanze kannte, mit dem jeder
Gang durchs
Gelände eine Lehrstunde war und andere Spezialisten etc. Auch
Roosch, nachher
bei der ‚Neuen Heimat‘ in Hamburg und Oechler vom
‚Rhönplan‘, Wahl, der das
Emsland entdeckte etc. Ludo‘s Stellvertreter war ein Herr von Conta, der
aus dem Verbindungsstab Heß rausgeflogen
war (angeblich, weil er eine tragende
Wildsau versehentlich angeschossen hatte – andere
behaupteten, er hätte sich um
des General Milch arische Abstammung zu neugierig gekümmert!)
Er war ebenso
schneidig wie unfähig und brachte den Laden bald in
Misskredit. Als ich
Wolfsburg anfing (Dezember 1937, d. Verf.),
war Ludo schon weg und ein Karriere-Jurist Steinhauser war Amtsleiter,
er kam
aus der Stadtverwaltung Augsburg, wo er mir schon ungut aufgefallen
war. […] Dies Amt
war eigentlich unser Aller Hoffnung, es sollte dem
nichtlandwirtschaftlichen
Siedlungsgedanken zum Durchbruch verhelfen. Aber es geschah nichts.
(Auch die
Presseleute Frank Glatzel und Böckler(?) waren eine Zeitlang
bei Ludo, der von
einem ‚Haus der Reichsplanung‘ träumte, es
bleib ein kurzer Traum eines
Zwerges. […] Immerhin war die erste Zeit dieses Amtes auch
segensreich: was wir
da an Siedlungslageplänen hereinbekamen war wirklich oft
hanebüchen und unsere
‚Gegenvorschläge‘
waren meist besser. Wir hatten es besonders gegen gerade
Straßen und legten sie
so schön geschwungen in die Gegend, dass einmal ein
Träger zurückberichtete: ‚Die
Straßen wurden wunschgemäß
onduliert!‘ […] Das war also der traurig endende
Ludo-Laden.“[20]
Bereits in der
Planungsstelle
Sachsen des RHA hatte Neupert
„durch das
Verständnis des Leiters
der höheren Bauverwaltung im Regierungsbezirk Chemnitz alle in
dessen
Arbeitsbereich liegenden Gemeinden und Städte im Verein mit
den Bürgern dieser
Orte nach dieser neuen Methode so überzeugend zu gestalten,
daß sich auch die
noch im alten Verfahren wirkenden Baubeamten der übrigen
sächsischen
Verwaltungsbezirke der neuen Methode anschlossen.“[21]
Im
Kreuzfeuer
Eine
vergleichbare Einflussnahme auf
Reichsebene strebte Neupert nun auch in Berlin an. Zu diesem Zweck
publizierte
er in loser Reihe die Planungshefte des Reichsheimstättenamtes
unter dem Titel
„Siedlungsgestaltung aus Volk, Raum und
Landschaft“. Hiervon
erschienen zwischen 1940 und 1942
insgesamt zehn Hefte, die sich mit
den
verschiedenen Aspekten der Raumplanung beschäftigten. In Heft
1 propagierte er
sein in Sachsen entwickeltes Planungsprinzip unter dem 1939
geschaffenen
Oberbegriff der „Totalen Planung“. Neupert setzte
hier die Planungsaufgaben im
Reich mit denen in den neuen Ostgebieten gleich:
„Die Befriedigung der
Raumnot im
Osten ebenso wie die Lösung des größten
sozialen Problems der Gemeinschaft –
jedem Deutschen die ihm zustehende Wohnform – zur Sicherung
und Erhaltung der
deutschen Familie haben zur Voraussetzung die totale Planung und
Gestaltung des
Landschaftsraumes.“[22]
Der Partei fiel hiernach die
Aufgabe
zu, „als Träger des Volkslebens […]
entsprechend ihrer inneren Bestimmung in
gemeinsamer Arbeit die Grundlagen für das Gelingen dieser
geschichtlichen
Aufgabe“ zu schaffen, welche durch den Staat durch
gesetzliche Regelungen die
Durchführung sichern sollte. Die durch Staat und Partei
gelenkte Wirtschaft
hatte als dritter Akteur die Siedlungsgestaltung umzusetzen. Die
zentrale Rolle
der Partei wurde von Neupert nochmals betont: „Bei der
baulichen Form kann sich
die Partei nicht auf die Aufstellung und Proklamierung gewisser
Richtlinien
beschränken, sonder n muß in jedem Falle
als
Willensträgerin der Nation durch die
schöpferische Tat die Gestaltung der Gemeinschaft
bestimmen.“[23] In weiteren Heften wurde
beispielsweise die
Siedlungsgestaltung als Führungsaufgabe oder die
Überlegungen zur Gestaltung
der neuen Ostgebiete anhand beispielhafter Planungen für die
Region rund um die
polnische Stadt Włocławek (während der
deutschen Besatzung Leslau genannt) dargestellt.[24]
In der
späteren Auseinandersetzung
mit Werner Durth und Niels Gutschow um seine Beteiligung an der
raumplanerischen Beteiligung an der Menschenvernichtung im Osten berief
Neupert
sich darauf, dass sich die Planungen des RHA ausschließlich
auf die durch den
Versailler Vertrag an Polen abgegebe Territorien bezogen
hätten – eine
Formulierung, die durch Neuperts Aussagen der Reichskanzlei
gegenüber nicht
gedeckt sind. Am 23. November1940 schrieb er an Reichsminister Dr.
Lammers:
„Es sind für
die Bewältigung dieser
großen kulturpolitischen Aufgabe bestimmte Erkenntnisse
fachlicher und
organisatorischer Natur erarbeitet worden, die allen bei einer
Übertragung auf
das großdeutsche Reich die Gewähr für die
Lösung dieser umfassenden Aufgabe
bieten. Im Hinblick auf das nach dem Kriege einsetzende
Wohnungsprogramm wir
die übergeordnete Planung und Gestaltung der Besiedlung sowohl
im Altreich als
auch in den Ostgebieten schon jetzt großzügig
vorbereitet werden müssen.“[25]
Beschränkte sich die im
Spätherbst
1940 getroffene Aussage noch auf das besetzte Polen, so formulierte
Neupert am
16. März 1942 – er war bereits bei der Wehrmacht -
in einem Schreiben an
Reichskabinettsrat Dr. Killy wiederum sinngemäß,
dass die Siedlungsgestaltung
nicht nur auf das Altreich, sondern auch auf die neuen Ostgebiet zu
beziehen
sei.[26] Eine Unterscheidung zwischen
ehemaligen
deutschgeprägten Gebieten und erobertem Raum in Russland fand
somit nicht
statt.
Ende
1941 wurden sämtliche
Mitarbeiter der Planungsabteilung „auf Veranlassung der
Dienststellen Himmler,
Rosenberg und Goebbels“[27] zur Wehrmacht eingezogen.
Vorausgegangen war eine
interne Auseinandersetzung, die Werner Wolfram später
folgendermaßen beschrieb:
„Etwa im Herbst 1941
hatte sich so
etwas wie eine Palastrevolution in unserer Arbeitsgruppe ereignet.
Ausgerechnet
der wohl engste Freund Neuperts, Max Reisinger beanstandete das
Siedlungsprojekt
und fand das von der SS vorgeschlagene richtiger, was zu einer
Kontroverse
führte und Anlaß (zur Aufhebung der, Einf.
d. Verf.)
Freistellung vom Wehrdienst war. Das Heft 9 (Die Kreisstadt)
erhielt die Druckgenehmigung erst, nachdem wir bereits Soldat
waren.“
Neupert
hatte am 7. Februar 1942
noch auf ein Schreiben „der NSDAP Reichsleitung (Dienststelle
Rosenberg) vom
27. Januar 1942“[28] reagiert, „wobei dann
allerdings sein Standpunkt
akzeptiert wurde.“[29] Anlass für die
Intervention von Seiten Rosenbergs
und Himmlers war eine Formulierung aus Heft 5 der Reihe
„Siedlungsgestaltung
aus Volk, Raum und Landschaft“, wo von der
„nachlassende(n) Kraft in der
Siedlungsgestaltung in den ehemals deutschen Ostgebieten“ die
Rede war;
hierdurch sei das Ansehen des Deutschen Volkes geschädigt
worden.[30] Dass Neupert und seine
Planungsabteilung des RHA in
der Ostplanung nicht zum Zuge gekommen sind, lag aber vermutlich
weniger an
einer solchen Aussage, als an der Vorlage, die die Auseinandersetzung
mit
Reisinger der intrigengeschulten SS gab, einen ernstzunehmenden
Konkurrenten um
die Planungshoheit für die besetzten Gebiete auszuschalten.
Trotz dieses
Rückschlags war Neupert
völlig auf die Umsetzung der Siedlungsgestaltung im gesamten
Reichsgebiet
fixiert. Ein Angebot des Rektors der Dresdner TH, Wilhelm Jost, in der
neu zu
errichtenden Technischen Hochschule in Linz einen Lehrstuhl zu
übernehmen
lehnte Neupert ab, da „man Siedlungsgestaltung nicht lehren,
sondern nur tun
könne“.[31] Auch das drängende
Angebot seines Vaters, den
elterlichen Betrieb zu übernehmen, schlug er aus. Verhaftet in
nationalistischer Gesinnung und der Überzeugung, dass seine
Planungsansätze die
einzig richtigen seien, sah er für sich keine
Möglichkeit, die Rolle des
provinziellen Landbaumeisters zu übernehmen. Richard Neupert
kehrte
niedergeschlagen nach Tanna zurück und starb kurz darauf an
TBC; nur durch die
Einstellung eines Betriebsleiters konnten Neuperts Mutter und Schwester
die
Geschäftsaufgabe während des Krieges verhindern.[32]
Die
zweite Chance
Neupert,
der nach eigenen Angaben
bei seinem Kriegseinsatz im Osten nichts von irgendwelchen
Gräueltaten gegen
Zivilbevölkerung oder russische Juden mitbekommen hatte (auch
im Berlin des
judenbereinigenden Generalbauinspektors Albert Speer hatte er keine
Verfolgung
bemerkt)[33], kehrte Anfang Februar 1944
nach zweimaliger
schwerer Verwundung[34] als vorübergehend
wehruntauglich nach Berlin zurück,
wo er mit Robert Ley zusammen traf. Ley, der Neuperts Arbeit schon aus
dessen
Zeit im RHA positiv gegenüber stand, nutzte die Gelegenheit,
dem inzwischen von
Albert Speer ins Leben gerufenen „Wiederaufbaustab
für bombenzerstörte Städte“
eine fachliche Stelle entgegen zu setzen. Am 10. Februar 1944 wurde ihm
ein
„Büro für Wohnungsplanung“
übertragen, das im RHA einzurichten war,[35] allerdings ging sein
Arbeitsauftrag erheblich über
die zwischen Ley und Speer getroffene Vereinbarung hinaus. Diese
Kompetenzausweitung drückte Ley durch den Erlass vom 5. Juni
1944 aus, in dem
Neupert zum „Beauftragten für die Gestaltung der
Wohngebiete“ ernannt wurde.[36] Gleichzeitig wurde ihm die
Leitung verschiedener
Dienststellen übertragen: mit der Abteilung VII beim RWK
erhielt er die
notwendigen staatsrechtlichen Kompetenzen, die Forschungsstelle
für
Siedlungsgestaltung im RHA diente zur Umsetzung der politischen und
baulichen Gestaltung
des Siedlungsbildes und in der Abteilung III –
Siedlungsgestaltung – in der
Deutschen Akademie für Wohnungswesen e.V. (DAW), konnte die
Erforschung der
technischen und hygienischen Grundlagen der Siedlungsgestaltung
durchgeführt
werden.[37]
Noch im
Februar nahm Neupert Kontakt
zu ehemaligen Mitarbeitern auf, allerdings stieß er auf
große Schwierigkeiten,
in dieser Phase des Krieges eine UK-Stellung zu erreichen. Es dauerte
bis zum
Herbst 1944, bis die Dienststelle in ihrer personellen Besetzung
vollständig
arbeitsfähig war. Wolfram beschreibt:
„Zur
Arbeitsgruppe gehörten: Max
Reisinger, inzwischen wieder versöhnt, auf Grund einer
Erfindung von der
finnischen Front zum Heereswaffenamt gekommen und fand so Zeit, N.
(Neupert; d.Verf.) zu helfen.
2.
Baurat Roggatz, ein alter
Heimstättenmann (Beamtentyp)
3.
Min. Rat Nicolaus, hoher
Beamter
im Arbeitsministerium
4.
Beiker,
Bauwirtschaftspraktiker
aus dem RHA
5.
Dr. Wolf, ehem. Stadtbaurat
von
Leipzig
6.
Frl. Woelk,
Sekretärin
7.
Frau Liedicke als Hilfskraft
eingestellt
8+9.
Dr. Werner und Dr.
Ritschel,
beide Juristen
10+11. Neupert und ich“[38]
Am 15.
März 1944, nur zwölf Tage
nach Neuperts Dienstantritt in Berlin[39] fand eine erste Besprechung mit
Rudolf Wolters, dem
„Planungsbeauftragten des Reichsministeriums Speer“,[40] statt, um die kommende
Zusammenarbeit auszuloten.
Bereits hier wurden Differenzen in der Auslegung von Vereinbarungen
zwischen
Speer und Ley deutlich, die sich später zu massiven
Auseinandersetzungen
auswachsen sollten. Zentraler Streitpunkt war die Einschaltung Neuperts
bzw.
dessen jeweiligen Gaubeauftragten für die Gestaltung der
Wohngebiete für die
von Hitler per Erlass bestimmten 43 Neugestaltungsstädte, bei
denen die
beauftragten Architekten unter Speer die Planungshoheit für
sich beanspruchten.
Auf Basis einer Vereinbarung zwischen Speer und Ley war die Abgrenzung
der
Arbeitsgebiete zwar geregelt worden, doch weder Ley noch Neupert waren
bereit,
sich aus dem umfassenden Planungsgebiet für die
Wiederaufbaustädte
herauszuhalten. Hintergrund war Neuperts Skepsis, ob die von Speer
eingeschalteten Architekten die Wohnungsplanung angemessen
durchführen könnten,
da sie auf diesem „Gebiet […] völlig neu
(seien)“[41]
Parallel
zu den Verhandlungen
arbeitete Min. Rat Nicolaus in Neuperts Abteilung bereits an einem
Entwurf für
ein Reichssiedlungsgesetz, welches nach §1 „den
Wohnungsbau und alle seine
Folgeeinrichtungen“ für „die Ansiedlung
der werktätigen Bevölkerung“ umfassen
sollte. Da der Begriff „Werktätige“ hier
nicht besonders definiert war, ist zu vermuten,
dass der gesamte Wohnungsbau mit diesem Gesetz abgedeckt werden sollte.
Neupert
und seine Mitarbeiter legten somit einen Entwurf vor, der zu Lasten
sämtlicher
mit dem Wohnungsbau befassten Stellen die Kompetenzen Leys steigern
sollte.
Damit waren jedoch die Versuche zur Machtausweitung weitere
Kompetenzen aus dem Reichsarbeitsministerium und aus der Deutschen
Akademie für
Städtebau, Reichs- und Landesplanung herauszulösen.[42]
Mit der
Vorlage seiner
programmatischen Schrift „Grundsätze zum
Wiederaufbau deutscher Städte“ am 22.
Juli 1944 – die Ausarbeitung hatte Paul Roggatz in der
Abteilung
Siedlungsgestaltung der DAW übernommen –
untermauerte Neupert seinen Anspruch,
unter dem Dach des RWK die grundlegenden Arbeiten zum Wiederaufbau zu
leiten:
„Die
Durchführung des Wohnungsbaues
wird vorbereitet durch die Planungen für
die Gestaltung der Wohngebiete.
Die Wohngebiete sind der entscheidende Teil der
gesamtbaulichen Planung,
denn die richtige Erfüllung des Wohnungsbauprogramms ist das
nächste große
politische Ziel für die Zeit nach dem Kriege. Somit muss die
reichsrechtliche
Regelung für diese Planung massgeblich in die Hand des
Reichswohnungskommissars
gelegt werden.“[43]
Als
nächste Ausarbeitung legte
Neuperts Abteilung im Oktober 1944 „Der Aufbau der Wohnformen
im Stadtverband“
vor, mit der die großstadtfeindlichen Prinzipien der
frühen
nationalsozialistischen Herrschaft endgültig
überwunden werden sollten.[44] Nachdem Ley die Arbeit an Speer
übergeben hatte,
antwortete dieser am 24. November 1944:
„Ich
bin mit den Grundsätzen, die
hier für den zukünftigen Wohnungsbau aufgestellt
sind, einverstanden, vor allem
vertrete ich ebenfalls Ihre Auffassung, daß der
Mehrgeschoßbau in den größeren
Städten unter keinen Umständen verhindert werden kann
und daß er darüber hinaus
auch bevölkerungspolitisch positiv angesehen werden kann, wenn
man nicht an der
bisherigen Form der alten Geschoßwohnungen und der alten
Mietsblöcke festhält.
Ich
habe meinem Arbeitsstab
Wiederaufbauplanung Ihre Richtlinien gegeben und ihn angewiesen, diese
Grundsätze den Planungen zu Grunde zu legen.“[45]
Neupert
bemühte sich nun, den
konkreten Nachweis für die Richtigkeit seiner Planungsgedanken
zum Wiederaufbau
zu erbringen. Mit Zustimmung von Speer erhielt er zur Untersuchung
einen
gründerzeitlichen Wohnblock in Berlin-Charlottenburg
übertragen, an
dem „neben einer sachlichen Ermittlung des Baustoff- und
Arbeitsaufwandes“ auch
„die Ergebnisse hinsichtlich ihres volkswirtschaftlichen
Aufwandes des
gewonnenen Wohnraumes und des dabei erzielten Wohnwertes gegeneinander
abgewogen werden“ sollten.[46] Im Vergleich von verschiedenen
Ansätzen zum
Wiederaufbau (Teilentkernung, Vollentkernung, Teilabriss mit
Schließen der
Lücken mit „Führerwohnungen“,
Totalabbruch mit sofortigem Neubau), die er
teilweise aus einer Stellungnahme des Wiederaufbaustabes entnommen
hatte, kam
Neupert zu einem grundsätzlich anderen Ansatz, nach dem nur
die ausreichend
erhaltenen Wohnungen wiederherzustellen seien und die Schaffung von
Ersatzwohnraum in Neubaugebieten rund um die Stadt zu erfolgen
hätte, in denen
„die Bevölkerung ein zusammenhängendes Bild
nationalsozialistischer
städtebaulicher Gestaltung“ präsentiert
bekäme. Anschließend sollten die alten
„Gebiete mit geringem wohnhygienischem Wert“ neu
gestaltet werden, da es „nicht
das Ziel eines Wiederaufbaues auf Jahrhunderte sein (könne),
die Sünden der
Vergangenheit auf große Zeitspannen hinaus zu
verewigen“[47] Allein schon die Form der
Publikation war als
Angriff auf Speer gedacht. Das Heft, das im November 1944 auf
Hochglanzpapier
gedruckt wurde, erhielt das gleiche Format wie Speers Schriftenreihe,
und
Albert Speer war nach Robert Ley der Erste, der ein Exemplar
überreicht bekam.[48]
Neben der
Planung für eine der unter
Speers Verantwortung liegenden Wiederaufbaustädte[49] wurde Neupert von Ley als
Nachfolger für den an der Ostfront
vermissten Peter Koller[50] eingesetzt und
übernahm damit die Bau- und
Entwurfsleitung der für die Deutsche Arbeitsfront zu
errichtende „Stadt des
KdF-Wagens“ (Wolfsburg) und „Stadt der
KdF-Traktorenwerke“ (Waldbröl).
Nachdem
erste Schwierigkeiten im
Aufbau seines neuen Arbeitsgebietes überwunden waren, nahm
Neupert am 19.April
1944 nach längerer Pause wieder Kontakt zu Heinz Wetzel auf.
In seinem ersten
Brief berichtete er knapp über die Aufgabe zur Gestaltung der
Wohngebiete und
bat Wetzel um Hilfe bei der Gewinnung von Mitarbeitern und um
fachlichen Rat.
Neupert schloss mit den Worten: „Dadurch wird nun doch mal
eine Zusammenarbeit
möglich, auf die ich früher schon immer gehofft hatte.[51] Wetzel schrieb begeistert
zurück und zeigte zwei
grundlegende Alternativen für die Umsetzung der
Siedlungsplanung auf und
lieferte gleichzeitig seine Einschätzung, nach welchen
Prinzipien die „neuen“
Städte zu gestalten seinen:
„Wie werden Sie nun
die Aufgabe
anfassen? […] Es gibt zwei Wege: einmal den rein
opportunistischen: man geht
davon aus, in möglichst kurzer Zeit unter möglichster
Ausnutzung des
Vorhandenen möglichst viele Wohnungen zu schaffen, die als
Wohnung an und für
sich betrachtet vielleicht etwas besser sind als die bisher
vorhandenen. Oder
man ist sich klar darüber, dass unser Wohnungswesen, als
unsere Städte wuchsen,
von den unkultiviertesten, ungebildetsten, habgierigsten Volksgenossen
betreut
wurde, und dieses Kainszeichen dem Durchschnittshaus auf die Stirn
geschrieben
bleibt. Zum zwoten: dass das Stadtplanungs- und Parzellierungsprinzip,
wie es
mit der Mitte des vorigen Jahrhunderts zum Zuge kam, den Gipfel der
Gedankenlosigkeit
darstellt, und dass man dabei an nichts anderes dachte als an die sog.
repräsentative Strasse. Das Planungssystem fiel
unglückseligerweise mit seiner
Geburt in die unselige Periode wo der solide Stadtbürger vom
Bourgeois abgelöst
wurde, das Sein vom Schein. Wollen wir die Gelegenheit
benützen, diesen
Schandfleck auszumerzen? Wollen wir radikal vorgehen? Wollen wir davon
ausgehen, dass das unzerstört gebliebene nach Massgabe einer
Abschreibungsformel auch noch verschwinden muss mit der Zeit? Sodass
unsere
Städte endlich einmal wieder ein menschenwürdiges
Gehäuse für eine Gemeinschaft
in allen ihren Gliedern sein werden.
Gehen
wir den ersten Weg, so
bleiben
wir in Zeit und Ewigkeit die gleichen Schweine wie bisher. Gehen wir
den
zweiten Weg, so tun sich ungeahnte Möglichkeiten
auf.“[52]
Neupert
hielt im kommenden Jahr
intensiven schriftlichen Kontakt mit dem schwerkranken Stuttgarter
Professor,
dessen Lehrstuhl sowie Wohnhaus mit Büro und Atelier in der
Zwischenzeit durch
einen Bombenangriff vernichtet wurde. Wetzel bot noch an, auf die
jeweils
zugesandten Ausarbeitungen vorbehaltlos die Meinung zu sagen,[53] aber kurz darauf starb seine
Frau und es war bereits
März 1945, so dass der schriftliche Kontakt abbrach.
Die dramatischen letzten Wochen
in
Berlin vor dem Untergang des Dritten Reiches beschreibt Werner Wolfram:
„Die
Ereignisse
überstürzten sich.
In der Mohrenstraße erlitten wir beim großen
Fliegerangriff im Februar
praktisch Totalschaden. Den etwa einstündigen Aufenthalt im
Luftschutzkeller
dieses Gebäudes und den glücklichen Ausstieg aus den
Trümmern werde ich mein
Leben lang nicht vergessen. Das Gewölbe hielt, der
Fußboden schwankte, wir
wurden förmlich hochgehoben. Alles brannte lichterloh, dennoch
ließ sich aus
dem Schutt noch manches bergen. Die ganze Innenstadt des alten Berlins
war
zerstört. Das Gemeinschaftshaus im Tiergarten blieb
unversehrt. Dort war ein
schöner Luftschutzkeller, der stand hielt. Fanatisch setzten
wir dennoch unsere
Tätigkeit fort. In der Tat, der größte Teil
der Führervorlage war geschafft,
freilich waren die Teile – vor allem die Tafeln –
an verschiedenen Stellen
gelagert, ebenso waren sehr schöne Modelle fertig gestellt. An
bestimmten
Zeichnungen arbeiteten 3 Studentinnen von der Hochschule Weimar. Kurz
vor
Ostern erschien ein Leutnant und verlangte von N. die Entlassung einer
der
Damen, sie war seine Braut. N. sagt ihm kurz, das kommt wohl nicht in
Frage,
sie wollen desertieren, das werde ich verhindern. Alles war aufgeregt,
ich
beruhigte ihn und sagte ,Mach keinen Quatsch‘. Er
ging.“[54]
Selbst in
den Tagen der letzten
verbissenen Kampfhandlungen um das Stadtzentrum arbeitete Neupert
weiter an
seinen Ausstellungstafeln und wurde dabei Augenzeuge des
militärischen
Zusammenbruchs der Verteidigung – der Wehrmachtsstab unter
General Weidling
hatte im Gebäude des
Reichswohnungskommissars
Tiergartenstraße 28 seine letzte
Kommandozentrale eingerichtet.[55] Unmittelbar nach Bekanntwerden
der Kapitulation
Berlins am 2. Mai 1945 verließ Neupert die Stadt in Richtung
seiner thüringischen
Heimat, in seinem Gepäck Fotoabzüge von 24 der etwa
40 fertig gestellten
Ausstellungstafeln. Vorher hatte er noch den wichtigsten Teil der
zurückgelassenen Arbeitsunterlagen im Keller des
Gebäudes eingemauert.[56]
Im
Abseits
Neuperts
Rückkehr nach Tanna stieß
wegen seiner Forderung nach Übernahme des
Baugeschäfts auf massivsten
Widerstand bei Mutter und Schwester. Nachdem Versuche der Schwester
scheiterten, den Bruder durch Denunziation „bei der
Besatzungsbehörde, den
Dienststellen der SED, der Gewerkschaft, der Handels- und
Gewerbeorganisationen
und der Polizei“ auszuschalten, „zeigte die
Schwester ihren Bruder als
Hauptverbrecher an unter Verwendung von Briefen, die ihr Bruder an sie,
die
Eltern und seine Frau geschrieben hatte,“ wobei dem Gericht
allerdings nur notariell
beglaubigte Auszüge vorlagen.[57] Er wurde sofort verhaftet. Bei
seiner Gerichtsverhandlung
am 11. Februar 1948 – er hatte die Anklageschrift nicht
einmal 24 Stunden
vorher erhalten – hatte er bereits neun Monate in Einzelhaft
hinter sich und das
Urteil lautet zunächst auf ein Jahr Gefängnis.
Begründung war, dass er mit den
Schriften „Städtebild und Landschaft“ und
den Heften „Siedlungsgestaltung aus
Volk, Raum und Landschaft“ das „Ansehen des
nationalsozialistischen Staates
gefördert“ habe.[58]
Nun ging Neupert in die
Revision:
Zum einen konnte er auf Verfahrensfehler verweisen, zum anderen lag
eine Reihe
eidesstattlicher Versicherungen zu seinen Gunsten vor, die ihn als
einen
unpolitisch agierenden Fachmann auswiesen, der andere Fachkenntnisse
anerkannt
und nie die Parteizugehörigkeit bei der fachlichen Beurteilung
von Mitarbeitern
herangezogen habe. Während eidesstattliche Versicherungen von
ehemaligen
Mitarbeitern und Kollegen der westlichen Besatzungszonen eher
vorsichtig zu
beurteilen sind, da aufgrund des bereits prägenden Kalten
Krieges eine
politische Intention in den Aussagen nicht ausgeschlossen werden kann,
konnte
Neupert in seinem laufenden Verfahren auf die Fürsprache des
Antifaschistischen
Ausschusses zu Tanna (4. Mai 1947), des FDGB, Ortsausschuss Tanna (8.
Dezember
1947) und von Professor Miller von der Staatlichen Hochschule
für Baukunst in
Weimar zählen. Aus den Westzonen erhielt er Zuspruch durch den
in
amerikanischer Internierung befindlichen Paul Steinhauser und
bemerkenswerterweise durch Heinrich Tessenow, der ihm bescheinigte,
dass seine
„Arbeiten ihrem Wesen nach mit Nationalsozialismus oder
dergleichen nichts zu
tun“ hätten.[59]
In den
nächsten zehn Jahren konnte
Neupert, inzwischen dreifacher Vater, das Baugeschäft nur mit
Unterbrechung
weiter führen. Bereits 1951 wurde er erneut unter Anklage
gestellt; diesmal als
„Wirtschaftsverbrecher“ wegen Verstoßes
gegen die Planwirtschaft – in seinem
Betrieb sei der Schnittholzbestand gegenüber den abgegebenen
Meldungen zu hoch
gewesen. Neuperts Verteidigung, dass ausreichend Holz im Baubetrieb zur
Trocknung liegen müsse und nur durch den Einsatz abgelagerter
Balken dauerhafte
Bauschäden vermieden werden könnten, wurde bei der
Verhandlung berücksichtigt,
nach mehrmonatiger Untersuchungshaft wurde er amnestiert.[60]
Ende der
1950er Jahre lief die Zeit
von Karl Neupert in seiner Heimat ab. Wirtschaftlich erfolgreich sowie
regional
verwurzelt und anerkannt, jedoch politisch und persönlich
nicht in den
sozialistischen Staat integrierbar (eine mögliche Enteignung
von
Privatunternehmern stand ständig im Raum), wurde er 1958 als
„Staatsverbrecher“
angeklagt aufgrund einer Äußerung, dass der Russe
allein noch auf dem Marxismus
sitze, während andere Völker und Staaten sich
längst von ihm gelöst hätten.[61] Die folgenden 14 Monate im
Zuchthaus Waldheim
führten Neupert ans Ende seiner Kräfte. Nach der
Entlassung wurde er mit
schwerer Nervenerkrankung in die Berliner Charité
eingeliefert, wo er „den
Ärzten davon lief“ weil es diesen beinahe gelungen
wäre, ihn „zu Tode zu
kurieren. Grund: Sie suchten nach einer
‚organischen‘ Ursache, punktierten,
röntgen und zerlegten mich fast. Als ich dann eine
Schädeloperation durchmachen
sollte, sprang ich sozusagen dem Totengräber von der
Schaufel“.[62] Nach dieser Erfahrung, und
auch, weil die nervliche
Belastung für die Familie aufgrund der ständig
drohenden Haft zu groß wurde,
entschloss er sich, zusammen mit seiner Familie in den Westen zu
fliehen. Am 21. Dezember 1960 verließ Neupert zusammen seiner
Familie über Westberlin
die DDR. Seine ehemalige Sekretärin Johanna Woelk hatte
zusammen mit Günther
Kurnitzky sämtliche Vorbereitungen getroffen, so dass die
Familie nach
kürzester Zeit im Berliner Übergangslager ein
Flugzeug nach Hamburg besteigen
konnte. Neupert entging so einer geplanten, erneuten Verhaftung drei
Tage
später.[63]
Ernüchterung
Seinen
beruflichen Einstand in der
Bundesrepublik hielt Neupert mit einem Vortrag in Neustadt an der
Weinstraße im
April 1961 auf einer Tagung katholischer Siedlungsträger, bei
der auch der
damalige Bauminister Lücke auftrat. Neupert wollte mit seiner
Rede in erster
Linie ausdrücken, „was ich gegenüber dem
Westen auf dem Herzen habe.“ Sein
Thema war „Siedlungsgestaltung statt
‚Städtebau‘ – Die Sehnsucht des
Ostens:
Überwindung des Funktionärs und des Kollektivs
– Wiedergewinnung der
Persönlichkeit und der Gemeinschaft im Bilde der sichtbaren
Umwelt“,[64] und dies sei
„eigentlich das Gegenteil von dem […],
was Lücke in seiner Rede am gleichen Tag sagte.“[65]
Vermittelt über den
Stuttgarter
Professor für Landesplanung Josef Umlauf, ebenfalls
Wetzelschüler und
maßgeblich an der Ostraumplanung der SS beim
„Reichskommissar für die Festigung
des deutschen Volkstums“ Heinrich Himmler, beteiligt, fand
Neupert am 1. Juli
1961 eine Anstellung in der aus einer Heimstättengesellschaft
hervorgegangenen
Wohnungsbaukreditanstalt des Landes Schleswig-Holstein.[66] Zunächst nur mit wenig
Personal, allerdings mit
erheblichen finanziellen Mitteln ausgestattet, formte Neupert seine
Abteilung
in eine „Forschungsstelle für
Siedlungsgestaltung“ um, mit der er zumindest
eine Neuauflage der Arbeitsweise des Reichsheimstättenamtes
erreichen wollte,
wenn nicht sogar die „totale Planung“ aus seiner
Dresdner Zeit.[67]
Trotz der
Ernüchterung über die
Abläufe des demokratischen Interessenausgleichs in
Westdeutschland – „In
anderen Zeiten würde man sagen, es ist ein Saustall. Heute
sagt man, es ist
zeitgemäß. Drüben herrscht der Terror und
der Funktionär. Hier herrscht die
Massenverdummung, der Manager und die dicke Brieftasche“[68] – ließ
Neupert nicht in seinen Bemühungen nach, die
Verantwortlichen in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft von der
Richtigkeit
seiner Ideen zu überzeugen. Er schlug sogar das Angebot aus,
in Stuttgart als
erster Beigeordneter tätig zu werden, „es war sogar
ein ‚Generalbaudirektor‘,
der zu vergeben war“,[69] aber er sah „die
Lösung des Problemes der
Siedlungsgestaltung […] eben nicht in der
Großstadt, sondern ausschließlich auf
dem Land, bei den Dörfern, Marktflecken und
Kreisstädten.“[70]
Um
Einfluss zu gewinnen und seine Planungsgedanken
in gebaute Realität umsetzen zu können, nahm Neupert
in den knapp 15 Jahren
seiner Tätigkeit in Kiel Kontakt mit einer großen
Anzahl von Personen in
verantwortlichen Positionen auf. So versuchte er im Jahr 1966 den
inzwischen in
Berlin als Professor für Städtebau tätigen
Peter Koller „als Mitkämpfer für die
Regeneration des Bauschaffens zu gewinnen“.[71] Koller lehnte ab und schrieb
zurück:
„Ich habe ihre
schönen
Ausarbeitungen durchgesehen. Sie bestechen in ihrer
Liebenswürdigkeit, in der
bescheidenen ‚Ergriffenheit‘ des Suchens und der
Darstellung. Aber ich muß
Ihnen auch (leider) sagen – sie muten mich an wie eine
liebgewonnene
Erinnerung, auch an mich selber. Aber sie gehören doch einer
vergangenen Zeit
an.“[72]
Später,
in seinen Erinnerungen,
formulierte Koller seine Einschätzung allerdings direkter:
„Neupert,
Architekt. Spinner, die fachliche Säule des
(Reichsheimstätten-, d.Verf.)
Amtes in der letzten Zeit bis
1945; in Schleswig-Holstein noch vor wenigen Jahren beratend
tätig.“[73]
Am 31. Dezember 1975 ging Karl
Neupert in den Ruhestand. Sein letztes Jahr in der Leitung der
Forschungsstelle
für Siedlungsgestaltung hatte er mit einem Fazit über
die vorhergehenden 14
Jahre Tätigkeit eingeläutet:
„Mein Versuch, hier
oben über eine
Art von Reichsheimstättenamt die ‚anerkannten Regeln
der Baukunst‘ und die
‚Prinzipien der Siedlungsgestaltung‘ durchzusetzen,
ist an der detestablen
Haltung der vereinigten Planungsbürokratie und der
Bauträger so gut wie
gescheitert.“[74]
Wichtige Anregungen für
die philosophische,
wirtschaftliche und kulturhistorische Einordnung seiner Theorie der
Siedlungsgestaltung zog Neupert aus den Schriften des
österreichischen Juden
Egon Friedell[75] sowie von Oswald Spengler,
einem der geistigen
Wegbereiter des Nationalsozialismus. Mit dem Volkswirt Wilhelm
Röpke, einem der
Väter der „sozialen Marktwirtschaft“,
betrieb er bis zu dessen Tod im Jahr 1966
intensiven Schriftverkehr, ebenso mit Edgar Salin, der als Deutscher
jüdischer
Abstammung zwischen 1927 und 1962 eine Professur für
Ökonomie in Basel inne
hatte und als einer der Begründer der „politischen
Ökonomie“ gilt. Sebastian
Haffner, dessen Buch „Anmerkungen zu Hitler“
Neupert als Rechtfertigung für das
Handeln des deutschen Volkes im Nationalsozialismus heranzog und
Haffners Aussagen
auf eine Alleinschuld Hitlers reduzierte, antwortete allerdings nicht
auf seine
Schreiben. Weitere Kontakte bestanden zu dem umstrittenen
österreichischen
Kunsthistoriker Hans Sedlmayr und dem katholischen Religionsphilosophen
Romano
Guardini. Mit Ausnahme der frühzeitig belegten
Anhängerschaft zu Gregor
Strasser und der Beschäftigung mit der Lehre Oswald Spenglers
bleibt für die
anderen genannten Ideengeber der Zeitpunkt, zu dem sich Neupert
erstmals mit
ihnen beschäftigte, unklar.
In der korporatistischen
Struktur des
Bundeslandes Schleswig-Holstein, in der ein Interessenausgleich
zwischen den
handelnden Akteuren des Bau- und Planungswesens herbeigeführt
wurde, stieß Karl
Neupert mit seinem auf ein hierarchisches Staatssystem angewiesenes
Planungssystem
auf unüberwindliche Schwierigkeiten. Die fortlaufende
Kontaktaufnahme zu hoch gestellten
Persönlichkeiten in Staat und Gesellschaft, die im
Nationalsozialismus durchaus
zur Erreichung einflussreicher Positionen hilfreich war, bot hier keine
Gewähr,
die eigenen Planungsideen umzusetzen. Dazu war Neupert in einer
halb-staatlichen Institution tätig und konnte somit kaum gegen
die
Wirtschaftsinteressen des Landes agieren. Hinzu kam bei ihm eine
ausgeprägte
Kompromisslosigkeit, die bei inhaltlichen Differenzen zwischen den
kommunalen
Planungen und Neuperts Gegenentwürfen kaum Spielraum
für Zwischenlösungen bot
und seinen jeweiligen Verhandlungspartner schnell die Rolle einer
fundamentalen
Opposition einnehmen ließ. So ist es kaum verwunderlich, dass
von Neuperts über
100 Planungsvorschlägen zwischen 1961 und 1975 kein
einziger komplett
umgesetzt wurde und nur Teile daraus gebaute Wirklichkeit wurden.
Karl Neupert fühlte
sich mehrfach in
seinem Leben verraten, und dies meist mit dramatischen Folgen. Nach
seiner
Auseinandersetzung mit seinem besten Freund Reisinger im Jahr 1941
wurden er
und alle seine Mitarbeiter zur Wehrmacht eingezogen; nach der
Denunziation
durch die eigene Schwester, unterstützt durch die Mutter, fand
er sich für
längere Zeit in Haft wieder und kam aus der politischen
Verfolgung in der DDR
nicht mehr heraus. Schließlich agierte Werner Wolfram, mit
dem ihn eine über 50
Jahre währende Freundschaft verband, im Kontakt mit Durth und
Gutschow gegen
seinen ausdrücklichen Wunsch, und er sah sich massiven
Vorwürfen ausgesetzt. Es
lässt sich der Schluss ziehen, dass Neupert, verhaftet im
Denkmuster von Treue
und Verrat, nur allzu leicht die Aussage Sebastian Haffners von der
Schuld
Hitlers und dessen Verrat am deutschen Volk aufgriff und
verkürzte, um sich und
seine Altersgenossen von jeglicher Schuld freizusprechen. Andererseits
mag er
seiner Familie durch sein Verhalten bei der Frage der Firmennachfolge,
als er
diese zunächst ablehnte und später –
mangels Alternative – doch auf sein
„Recht“
beharrte, sogar das Gefühl des zweifachen Verrats vermittelt
haben; für seine
Rolle des Widerparts in der Auseinandersetzung mit Schultze-Naumburg an
der
Weimarer Bauhochschule schämte er sich später.
Wenn sich Neupert schon nicht
als
konkreter Planer des Tabula Rasa in den im Zweiten Weltkrieg eroberten
Ostgebieten verstand – seine in den 1940er Jahren
getätigten Aussagen lassen
seine Verteidigung in den 1980er Jahren fragwürdig erscheinen
– so war er doch
zumindest willfähriger Zuarbeiter einer entfesselten
Eindeutschung der
besetzten Gebiete ohne Rücksicht auf die Bevölkerung,
die in den überplanten
Regionen lebte. Trotzdem ist eine bei Durth und Gutschow angedeutete
Gleichsetzung der Schlagworte „Totale Planung“ mit
„Totalem Krieg“ zu kurz
gegriffen, weil sie den jeweiligen Kontext der Begriffsentstehung nicht
ausreichend berücksichtigt. Neuperts Spiel auf Zeit bei der
Beantwortung von
Fragen zu historischen Gegebenheiten[76] sowie die Vehemenz, mit der er
sich gegen die ihm
gegenüber erhobenen Vorwürfe zur Wehr setzte,
Mittäter bei der
Menschenvernichtung im Osten gewesen zu sein, stachelte das Interesse
an seiner
Person noch mehr an. Am Ende war kein Dialog mehr möglich.
Sein letzter Brief
an Werner Durth macht dies überdeutlich:
“Das „Sehr
geehrter Herr“ kann ich
mir ersparen, denn noch bin ich mir nicht im klaren darüber,
ob Ihre
Dreistigkeit oder Ihre Dummheit die größere ist, mit
der Sie versucht haben,
mich unter Berufung auf Werner Wolfram zu einer Aussage über
ein Thema zu
bewegen, für das Sie weder vom Charakter noch von der
geistigen Dimension her,
die zum Verständnis eines Phänomens, wie das der
Siedlungsgestaltung, notwendig
ist, befähigt sind.
[…]
Was Sie und Ihre
Spießgesellen
von Madame Teut über Harlander und Fehl, Gutschow jun., der
von seinem Vater
leider nicht einmal den Verstand, geschweige denn die Moral geerbt hat,
und
schließlich Sie selbst sich in Ihren an geistige Onanie
grenzenden Elaboraten
geleistet haben, grenzt schon an das Kriminelle.“[77]
Während
Werner Wolfram die Ideen der
Siedlungsgestaltung in seine Planungstätigkeit als Architekt
in den
Baukollektiven von Hoyerswerda oder Schwedt zumindest partiell hat
einfließen
lassen können und Hubert Grenzer als Professor an zwei
Hochschulen in der DDR
unbehelligt tätig sein konnte, war Karl Neupert die Mitarbeit
in
verantwortlicher Position ausgerechnet in dem Teil Deutschlands
verwehrt, in
dem seine, auf totalitäre Strukturen angewiesenen
Planungsansätze umsetzbar
gewesen wären. Dies hat er auch selber erkannt:
„Wie
ihre Entwicklung nur unter ganz
besonderen politischen Gegebenheiten, nämlich gleichlaufend
mit der Suche nach
einer nationalen und sozialen Gemeinschaft, möglich war, so
ist es mit ihrer
Verwirklichung nicht anders. Da diese Gegebenheiten jedoch nicht mehr,
wahrscheinlich sogar n
i e mehr, eintreten
werden, wird
Siedlungsgestaltung auch n
i e mehr zu
verwirklichen sein.“[78]
Epilog
Entgegen Neuperts Aussage ist
sein
Ansatz der Siedlungsgestaltung heute noch aktuell –
allerdings nicht im
Fachgebiet der Raumplaner. Seit Mitte der 1970er Jahre bis zu seinem
Tod 1991
hatte Neupert intensiven Kontakt zu Ernst Korkisch, Professor im
Fachbereich
Landespflege an der Fachhochschule Weihenstephan.[79] Korkisch übernahm den
Ansatz des topographischen
Landschaftsmodells für die Garten- und Landschaftsplanung, so
dass heute eine
Reihe von Landschaftsarchitekten diesen Planungsansatz zur
Veranschaulichung in
ihrem Repertoire führen und damit auch erfolgreich sind.[80] Damit bietet die vom
NS-Kampfbegriff „Siedlung“ und
von der ambivalenten Figur Karl Neuperts gelöste
Landschafts-Gestaltung heute eine
Bereicherung des planerischen Repertoires; nur umsetzbar, weil die
Planer sie
für sich nicht zu einer Quasi-Religion erheben und die im
demokratischen System
notwendige Kompromissbereitschaft mitbringen.
[1]
Archiv Klaus Neupert (AN): Richard Neupert an Karl Neupert::
Bescheinigung über
Arbeitszeiten, 30.08.1935.
[2]
Christian Schädlich: Die Hochschule für Architektur
und Bauwesen Weimar. Ein
geschichtlicher Abriß, Weimar 1985, S. 39.
[3]
Claus Pese: „Der Name Schultze-Naumburg ist Programm
genug“, in: Ralf Both,/Thomas
Pföhl (Hg.): Aufstieg und Fall der Moderne, Katalog der
Ausstellung, Weimar
1999, S. 388. Günther, auch
„Rasse-Günther“ genannt, übernahm
zur gleichen Zeit
den für ihn geschaffenen „Lehrstuhl für
menschliche Züchtungskunde“ an der
Universität Jena, später umbenannt in
„Lehrstuhl für Sozialanthropologie“;
siehe: Norbert Borrmann: Paul Schultze-Naumburg 1869 - 1949.
Maler,
Publizist, Architekt. Vom Kulturreformer der Jahrhundertwende zum
Kulturpolitiker im Dritten Reich. Ein Lebens- und Zeitdokument, Essen
1989, S.
192.
[4]
Zur
Anerkennung des Abschlusses und seiner Gleichstellung mit dem
Dipl.-Ing. siehe:
Wilhelm Mues: Was ist ein Diplom-Architekt, in: Der Architekt, Heft 12,
1954,
S. 43.
[5]
Archiv Werner Wolfram (AW): Berichterstattung über den
Wettbewerb des
Akademischen Architektenvereins an der Hochschule für
Baukunst, Weimar,
03.03.1932, S. 1ff. Der erste Preis ging an Werner Hentschel (1.
Semester),
zwei zweite Preise erhielten Fritz Fasbender und Neuperts Freund Werner
Wolfram
(beide 3. Semester).
[6]
Damit
war sein Abschluss mit dem Dipl.-Ing. gleichgesetzt.
[7]
AN:
Der Oberbürgermeister der Landeshauptstadt: Zeugnis
für Karl Neupert, Weimar,
15.06.1935.
[8]
AN:
Heeresbauamt Naumburg a. S.: Zeugnis für Karl Neupert,
Naumburg a. S.,
31.03.1936.
[9]
AN:
Marine-Standortbauamt Kiel: Beschäftigungsnachweis
für Karl Neupert, Kiel,
26.09.1936.
[10]
AN:
Neupert an Dr. Dankwart Guratzsch, Redaktion DIE WELT, 25.03.1987, S.
2.
[11]
Grenzer, Tessenow-Schüler, war nach dem zweiten Weltkrieg
zunächst Stadtbaurat
von Zwickau, anschließend Professor für
Städtebaulehre in Weimar und Görlitz.
Während Kurnitzky nach 1945 als freischaffender Architekt in
Berlin tätig war,
übernahm Weitze, der wie Neupert in Weimar studiert hatte, die
Leitung des
Stadtplanungsamtes von Rheine/Westfalen.
[12]
Archiv Ernst Korkisch (AKo): Neupert an Klaus Neupert, 08.12.1986, S.
3.
[13]
„Alles,
was die Natur liefert, soll nicht verwischt, sondern ausgebildet,
gesteigert
werden: die Höhe soll erhöht, die Fläche
noch mehr geflächt werden“; in:
Fischer, Theodor: Sechs Vorträge über Stadtbaukunst,
München/Berlin 1922, S.
78.
[15]
AKo:
Neupert an Wolf Jobst Siedler, 20.07.1987, S. 2.
[16]
AKo:
Neupert an Ernst Korkisch, 30.12.1985, S. 2.
[18]
AKo:
Neupert an Ernst Korkisch, 08.12.1986, S. 3; gemeint ist:
Reichsheimstättenamt,
Planungsabteilung (Hg.): Städtebild und Landschaft, Berlin
1939.
[19]
AN:
Siedlungsgestaltung aus Volk, Raum und Landschaft. Lebens- und
Arbeitsbericht
des Dipl.Arch. Karl Neupert, o. D., S. 2.
[20]
Archiv Keilmann (AKe): Peter Koller: Die verschiedenen
städtebaulichen
„Machtbereiche“, S. 5f.; Koller verfasste diesen
22-seitigen handschriftlichen
Bericht zwischen Februar und Mai 1977 für Christan Schneider,
welcher Teile
daraus für seine Promotion über die
Stadtgründungen Wolfsburg und Salzgitter
verwendete.
[21]
AN:
Neupert an Klaus Neupert, 08.12.1986, S. 7.
[22]
Hier
und im Folgenden: Reichsheimstättenamt, Hauptabteilung
„Städtebau und
Wohnungsplanung“ (Hg.): Siedlungsgestaltung aus Volk, Raum
und Landschaft, Heft
1, Berlin 1940, S. 8.
[24]
Inhaltlich wurde dieses Heft größtenteils von Werner
Wolfram erstellt, der in
der späteren DDR u. a. maßgeblich an der
Stadtplanung von Schwedt und
Hoyerswerda beteiligt war.
[25]
BArchB, R42II/209, Bl. 204.
[26]
BArchB, R43II/209, Bl. 222f.
[27]
AKo:
Neupert: Stellungnahme zu „Hitlers sozialer Wohnungsbau 1940
– 1945, o. D., S.
7.
[28]
BArchB, R4002/33: Neupert an Min. Rat Nicolaus und Baurat Roggatz,
03.07.1944.
[29]
AN:
Lebenserinnerungen von Werner Wolfram, verfasst ca. 1954, S. 39.
[30]
Himmler konnte kein Interesse daran haben, dass sich die Deutsche
Arbeitsfront
mit ihrem RHA in die Planungstätigkeit im Osten einmischte;
zur Vertiefung siehe:
Rolf-Dieter Mülle,: Hitlers Ostkrieg und die deutsche
Siedlungspolitik. Die
Zusammenarbeit von Wehrmacht, Wirtschaft und SS, Frankfurt am Main
1991, S.
83ff.
[31]
AKo:
Neupert an Korkisch, 04.01.1985, S.2.
[32]
Aus
einem Telefonat mit Klaus Neupert am 13.04.2008.
[33]
AKo:
Neupert an Ernst Korkisch, 20.04.1989, S. 17.
[34]
Im
Juli 1942 erlitt Neupert eine Verwundung im Nacken durch einen
Granatensplitter
und zu Beginn des Jahres 1944 einen Bauchschuss; siehe: AN:
Revisionsbegründung, 13.03.1948, S. 2.
[35]
Tilman Harlande,: Zwischen Heimstätte und Wohnmaschine.
Wohnungsbau und
Wohnungspolitik in der Zeit des Nationalsozialismus,
Basel/Berlin/Boston 1995,
S. 281.
[36]
Der
Wohnungsbau in Deutschland, Heft 15/16, August 1944, S. 186.
[37]
BArchB, R4002/39: Der Beauftragte für die Gestaltung der
Wohngebiete:
Arbeitsblatt, 19.12.1944, S. 1.
[38]
Wolfram (siehe Anm. 29), S. 46.
[39]
BArchB, R4002/34: Arbeitsbericht betr. Auftrag vom 10.02.1944.
[40]
BArchB, R4002/102, Bl. 219.
[41]
BArchB, R4002/28, Bl. 121. Der Vorgang ist dargestellt in: Harlander
(siehe
Anm. 35), S. 281ff.
[42]
BArchB, R4002/27: Abgrenzung der Zuständigkeit zwischen RWK
und RAM in zwei
graphischen Tafeln, o.D., sowie BArchB, R4002/102, Bl. 163ff.
[43]
BArchB, R4002/28, Bl. 223.
[44]
Werner Durth/Niels Gutschow: Träume in Trümmern.
Stadtplanung 1940 – 1950,
München 1993, S. 48f.
[45]
BArchB, R4002/96, Bl. 57.
[46]
Der
Beauftragte für die Gestaltung der Wohngebiete: Wiederaufbau
zerstörter Städte.
Untersuchung eines Baublocks in Berlin-Charlottenburg, Berlin 1944, S.
1.
[48]
BArchB, R4002/28, Bl 46.
[49]
BArchB, R4002/28, Bl. 122.
[50]
Die
Einschaltungen für Wolfsburg und Waldbröl sind belegt
in BArchB, R4002/60 und
BArchB, R4002/59; Koller, bereits Vater von sieben Kindern, hatte sich
freiwillig zur Wehrmacht gemeldet; siehe: Froberg, Nicole: Ein Mann der
Rede
und der Feder. Peter Koller – Architekt und Stadtplaner
Wolfsburgs, Wolfsburg
2007, S. 32f.
[51]
BArchB, R4002/36, Bl. 201.
[52]
BArchB, R4002/36, Bl. 199.
[53]
BArchB, R4002/36, Bl. 186.
[54]
Wolfram (siehe Anm. 29), S. 47. Wolfram traf den ehemaligen Leutnant
später
wieder; dieser bedankte sich, da Wolfram ihm das Leben gerettet habe.
[55]
Siedlungsgestaltung… (siehe Anm. 19), S. 19.
[56]
LArchB, CRep 800/430: Abt. für Bau- und Wohnungswesen:
Protokoll der
Besprechung mit der Sachverwaltung der Deutschen Akademie für
Wohnungswesen
e.V. am 14.02.1946, S. 2.
[57]
AN: Revisionsbegründung,
13.03.1948, S. 2f.
[58]
Siedlungsgestaltung… (siehe Anm. 19), S. 20.
[59]
AN:
Heinrich Tessenow an Neupert, 25.03.1948.
[60]
AN:
Siedlungsgestaltung… (siehe Anm. 19), S. 20.
[61]
Ebd.;
Neuperts Ruf wirkt teilweise bis heute, seine in den 1950er Jahren
gebauten
Bauernhöfe sind aufgrund seiner Zimmermannsausbildung nur von
Fachleuten als
Bauwerke neueren Datums erkennbar.
[62]
AN:
Neupert an Kurt Weitze, 15.01.1961, S. 1.
[63] AN: Johanna Woelk an Neupert,
11.01.1961,
S. 1.
[64]
AN:
Neupert an Kurt Weitze, 08.05.1961.
[66] AN: Neupert an Johanna Woelk,
08.06.1963. Im Zuge der
„68er”-Proteste gab
Umlauf seinen Lehrstuhl auf.
[67]
AN:
Neupert an Kurt Weitze, 08.05.1961.
[68]
AN:
Neupert an Kurt Weitze, 08.05.1962, S.1.
[69] AN: Neupert an Johanna Woelk,
20.12.1964, S. 2.
[70]
AN:
Neupert an Kurt Weitze, 22.12.1964.
[71]
Siedlungsgestaltung… (siehe Anm. 19), S. 45. Neupert
erklärt weiterhin zu
Koller, dieser habe sich, „obwohl vor dem Krieg
Günstling Speers und, wie aus
seiner Sieldung Steimkerberg in Fallersleben hervorgeht, die
‚anerkannten
Regeln der Baukunst‘ praktizierend, nach dem Krieg
bedingungslos auf die Seite
des Modernismus geschlagen.“
[73]
Koller (siehe Anm. 20): S. 16. Auf Seite 32 schreibt Koller
über Heinz Wetzel:
„Starke Wirkung hatte Wetzel+, der Prof.
für Städtebau in Stuttgart.
Seine Schüler, z.B. Liedecke hielten viel von ihm; mir kam er
immer komisch vor
weil er ein Ästhet war; und zwar ein
Misthaufen-Ästhet. Seine Liebe waren
‚Mistheife‘, die im Schwäbischen auch noch
in den Städten an den Straßen lagen!
Er konnte auch ernst zu nehmende Menschen […] recht
beeindrucken. Blieb
historisierender Ästhet.“
[74]
AN:
Neupert an Kurt Weitze, 28.01.1975.
[75]
Friedell, Jahrgang 1878, nahm sich am 16.03.1938 in seiner Geburtsstadt
Wien
das Leben, um einem „Besuch“ von zwei
SA-Männern zu entgehen.
[76]
AKo:
Neupert an Werner Durth, 08.10.1986.
[77]
AKo:
Neupert an Werner Durth, 07.08.1987, S.1f.
[78]
AN:
Neupert an Klaus Neupert, 25.02.1984, S. 2.
[79]
Vgl.
Erhard Ernst Korkisch: Landschaftsraum und Siedlungsgestaltung.
Grundlagen
städtebaulicher Planung nach den naturräumlichen
Bedingungen, Freising 1992.
[80]
Aus
Telefonaten mit den Landschaftsarchitekten Uli Franke/Schwerin, Martin
Hauck/Mannheim und anderen am 19./20.04.2008.
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